Buchen
Menü
Deutsche Website
' Wetter

NATÜRLICH SYLT
Sylter Unikate

WARNUNG! Dorf mit individualistischem Märchencharakter, das auf den Prinzen pfeift. Umschulung zum Goldschmied nach Betreten nicht ausgeschlossen.

»Ich bin Handwerkerin. Kunsthandwerkerin, um genau zu sein«, wirft Antje Ballauf flott ein, wenn man sie als Künstlerin tituliert. Worin der feine Unterschied liegt, lässt sich einfach erklären: Um sich als Kunsthandwerker bezeichnen zu können, bedarf es mindestens einer Grundausbildung mit entsprechenden Lehrjahren, wer mag, legt den Meistertitel oder ein Studium obendrauf. Mit dem Wort Künstler geht man hingegen etwas lockerer um. Jeder könnte sich ja praktisch nach Belieben so bezeichnen, ob mit oder ohne Talent. Durch einen Freund zieht es die ursprünglich aus Velbert in Nordrhein-Westfalen stammende Kunsthandwerkerin Anfang der Siebziger Jahre nach Sylt. So richtig auf dem Schirm hatte sie den nördlichsten Sandknust Deutschlands nie, doch bereits der erste Aufenthalt gefällt ihr so gut, dass sie bleiben und eine Goldschmiede-Werkstatt eröffnen möchte. Die passende Wohnung im Keitumer Kirchenweg ist durch einen glücklichen Zufall schnell gefunden, auf finanzielle Unterstützung seitens der Bank muss Antje Ballauf jedoch leider verzichten. Die nehmen den Ort unter die Lupe, halten schließlich ihren Plan vom eigenen Betrieb für eine Schnapsidee. Das Dorf sei zu dörflich, zu verworren, von Lukrativität keine Spur. »Keitum ist ungeeignet für eine Goldschmiede«, lautet das Fazit. Für Antje Ballauf allerdings kein Grund, ihre Idee über Bord zu werfen oder sich Richtung Westen, nach Westerland oder Kampen, umzuorientieren. In Keitum fühlt sie sich wohl, das Dorf birgt ihres Erachtens nach großes Potential. Punkt. Und überhaupt ist Antje Ballauf dort, und das verkennen die Bankiers, mit ihrem Kunsthandwerk nicht allein. Neben den Webern und Töpfern verliebt sich Ende der Sechziger Jahre Goldschmiedin Edda Raspé in die Ostseite der Insel und eröffnet dort eine eigene Werkstatt. Sie gilt als eine der Vorreite- rinnen, die die Geschichte der Sylter Kunsthandwerker bedeutsam mitgestaltet.Ein Gespür für die schönen Dinge des Lebens, für die Kunst und das Kunsthandwerk, liegt den Syltern seit jeher im Blut.

Man grüßt und besucht sich, lernt einander besser kennen und trifft sich häufiger. Es entstehen gemeinsame Kreationen, engere Bindungen und gesellige Abende. Mitbewerber werden zu Freunden, die zu einem besonderen Kollektiv zusammenwachsen. Viele kommen und gehen, andere bleiben und bauen sich eine beständige Existenz auf. Es folgen Ausstellungen und Matineen an Ostern, im Sommer und an Weihnachten, alle ziehen stets an einem Strang. Trotz der verschiedenen Perspektiven und Charaktere, die sich kreuzen und sicherlich aneinander reiben, doch die Liebe zum Kunsthandwerk verbindet. Es sind jene Jahre, in denen das Gemeinschaftsgefühl eine große Rolle spielt. »Mehr noch als heute, das war eben der damalige Zeitgeist«, beschreibt Edda Raspé die Gründungsepoche der Sylter Kunsthandwerker. Die Stile, Materialien und Arbeitsweisen mögen sich unterscheiden, doch der Grundgedanke etwas zu erschaffen, das von Dauer ist und idealerweise eine nachhaltige Bereicherung darstellen könnte, bestärkt eben diesen Zusammenhalt und die dadurch resultierende Entwicklung des Dorfes. Endlich erfährt Keitum mit dem Zuwachs an Ateliers und Werk- stätten die Veredelung, die es so verdient und erwacht langsam aus dem Dornröschenschlaf. Keine Frage, ein Gespür für die schönen Dinge des Lebens, für die Kunst und das Kunsthandwerk, liegt den Syltern seit jeher im Blut. Ihre Fahrten zur See nutzten sie unter anderem dafür feinste Stoffe, Fliesen, Schmuck und andere Schätze nach Hause zu bringen. Doch einheimisches Kunsthandwerk war vor dem 20. Jahrhundert rar gesät. Auf bereits bestehende Sylter und zugereiste Kunsthandwerker folgen weitere, die sich auf Sylt und insbesondere in Keitum niederlassen. So zum Beispiel Christoph Freier, der als Architekt nach Sylt reist, die Keitumer kennenlernt, von dem Kunsthandwerk begeistert ist, sich schließlich zum Goldschmied ausbilden lässt und erfolgreich durchstartet.

Ein wichtiger Bestandteil der Gruppe wird ebenfalls Glasbläser Hans-Jürgen Westphal, der im Keitumer Bahnhof ein Atelier eröffnet und insgesamt 35 Jahre auf der Insel bleibt. Dann ist Schluss. Mit seiner Frau soll es zurück in die Heimat gehen. Was mit dem Atelier passieren wird, ist zunächst ungewiss. Der Ort besteht darauf das Keitumer Bahnhofsgebäude auch weiterhin an einen Kunsthandwer- ker zu vermieten, um die Tradition am Leben zu halten. In seine Fußstapfen tritt 2015 nach einem ordnungsgemäßen Bewerbungsverfahren Antje Otto. Zwar stammt sie gebürtig aus Malente, doch die Insel, den Betrieb und auch die anderen Keitumer Kunsthandwerker kennt sie bereits sehr gut. Denn bevor sie ihren Meister und das Technikerstudium erfolgreich absolvierte, arbeitete sie fünf Jahre bei Hans-Jürgen Westphal und erlernte eine neue Glasverarbeitungstechnik, die Glasbläserei an der Lampe. Ihre Wiederkehr nach Sylt fühlt sich an, »wie nach Hause zu kommen«. Die Insulaner sind erleichtert, freuen sich riesig, dass durch Antje Otto die Sylter Glas- kunst mit frischem Blut und Inspirationen weitergelebt wird.

Neuen Schwung bringt auch Jonas Raspé in die Gruppe der Sylter Kunsthandwerker. Mit progressiven Ideen tritt er in die Fußstapfen seiner Mutter, wenn auch über kleine Umwege. Nach der Schule macht er sich zunächst auf in den Großstadtdschungel, wo er sich zum Mediengestalter ausbilden lässt. Dennoch wird die Sehnsucht nach der Insel und der Weite der Nordsee größer. »Ist ja doch gar nicht so uninteressant, was die Eltern da machen, in ihrem kleinen Dorf«, wird ihm bewusst, es folgt eine Lehre zum Goldschmied in Kopenhagen und Berlin. Über die Jahre hat es die Familie Raspé immer weiter gen Inselosten gezogen. Edda und Jonas teilen sich mittlerweile Werkstatt, Werktisch, Werkzeug und sogar Handschrift in Morsum. Mit von der Partie ebenfalls Ehefrau Anna inklusive Nachwuchs. Alle unter einem Dach, mehr Traditionserhalt geht fast nicht. Die dritte Goldschmied-Generation scheint gesichert.

Hoffentlich. Denn ganz so ohne ist das Leben der Kunsthandwerker bestimmt nicht. Wer keinen Wohnraum besitzt, hat die monatlichen Mietkosten zu buckeln. Das kann gerade in den ruhigen Wintermonaten eine immense Last sein. Im Großen und Ganzen sieht die aktuelle Nachwuchslage der Sylter Kunsthandwerker alles andere als rosig aus. Leider. Was man dagegen tun kann? Weitermachen, sich nicht unterkriegen lassen und bemerkbar machen mit den zur Verfügung stehenden Mitteln. Denn die Nachfrage für extravagantes, individualistisches und zeitloses Kunsthandwerk besteht nach wie vor. Schaut man sich in den insularen Häusern und Wohnungen um, findet sich bestimmt die eine oder andere Kreation eines Sylter Kunsthandwerkers. Sei es die liebevoll bemalte, mit dem Namen versehene Tasse von Töpferin Regine Skoluda und Till Bruttel, der handgefertigte Gürtel aus der Ledermanufaktur oder das elegante Schmuckstück von Birte Wieda. Gerade deswegen sind die Kunsthandwerker für Keitum, was Keitum für die Insel ist. Wertvoll und einzigartig.

Kostenfreies Natürlich Sylt Abo

Werden Sie Abonnent der Natürlich Sylt! Wir liefern das Magazin kostenfrei 2x im Jahr zu Ihnen nach Hause!
Bestätigung*

Entdecke deine #Inselliebe

Sylt auf Instagram

#Inselliebe in Bildern

Loading
  • Informationsquelle für Ihren Sylt-Urlaub
  • Offizielles Buchungssystem für Ihre Unterkunft
  • Ihr Partner für Meetings & Incentives