© SMG/Martin Elsen

Die Insel, der Tourismus und wir

Natürlich Sylt

Die Coronakrise hat das Leben auf der Insel nachhaltig verändert. Sie verlangt ein Neudenken oder besser gesagt Neufühlen und ebnet so den Weg für einen neuen Tourismus. Dabei ist Resonanz das Gebot der Stunde, der Dialog das Mittel der Wahl.

Muschel am Strand
© Kyra Stockebrandt

Neun Wochen lang war Sylt weg vom Fenster, als Urlaubsinsel von einem Tag auf den anderen abgeschaltet. 63 Tage Isolation voller quälender Existenz- und Zukunftsangst sind nicht spurlos an Insel und Insulanern vorbeigegangen sind - zu heftig war der Einschnitt in das bestehende Ganze aber auch in das Leben jedes Einzelnen. So ganz nebenbei entdeckten viele Sylter ihre eigene Insel wieder neu. Sie verguckten sich im wahrsten Sinne des Wortes in ihre Schönheit und fühlten sich ihr in einer neuen Art und Weise verbunden. Das, was zwischen den Syltern, ihrer Insel und ihrer Beziehung zueinander passierte, ist Ausdruck einer wachsenden Sehnsucht nach Resonanz. Der Begriff Resonanz bezeichnet eine bestimmte Art, mit seiner Umwelt in Kontakt zu treten: Etwas oder jemand berührt, bewegt oder ergreift nachhaltig. So nachhaltig, dass das Erlebte etwas in uns auslöst und Stimmung oder Einstellungen positiv verändert. Für den Soziologen Hartmut Rosa ist Resonanz ein Gegenentwurf zur fortwährenden Beschleunigung. Dabei sieht Rosa Beschleunigung nicht per se als etwas Schlechtes an („Niemand möchte langsames Internet oder eine langsame Feuerwehr“). Es geht weniger um die Langsamkeit an sich, als vielmehr um einen Zustand, in dem wir nicht ständig versuchen, alles zu kontrollieren und schnell und effizient zu regeln. In einem solchen Zustand lassen wir uns viel stärker von Begegnungen inspirieren – und das sei letztlich, so Rosa, die Grundlage eines gelingenden Lebens.

Bevor die Insel ihr ganzes Potenzial als Resonanzraum ausspielen konnte, kam die Normalität zurück. Mit einer Wucht, die alle überraschte, viele verängstigte und nicht wenige überforderte. Und die das Wort Normalität vorerst aus dem Inselvokabular verschwinden ließ. Aber für Befindlichkeiten dieser Art war keine Zeit. Auf einen Schlag war Hochsaison und die Maschinerie durfte wieder hochgefahren werden, von 0 auf 100. Endlich wieder Gäste, endlich wieder Austausch, endlich wieder Umsatz. Sylt war wieder im Rennen und schickte sich an, die über Jahrzehnte gelernte Rolle als Urlaubs- und Sehnsuchtsinsel wieder einzunehmen und auszufüllen. Aus der anfänglichen Euphorie wurde Ernüchterung, ausgelöst durch volle Straßen, lange Wartezeiten und Stress, potenziert durch die Faktoren Unsicherheit und Angst. Die Schlangen morgens beim Bäcker waren noch nie so lang – weil die Insel voll war, aber auch weil es plötzlich einen Sicherheitsabstand gab. Die Freude über einen freien Tisch im Restaurant war noch nie so groß – weil die Insel voll war, aber auch wegen des reduzierten Platzangebots und weitere Schutzmaßnahmen den Betrieb verlangsamten. Die Staus an den klassischen An- und Abreisetagen waren so nie so nervig, die Straßen noch nie so voll - weil die Insel voll war, aber auch weil man aus Angst vor Ansteckung lieber auf das eigene Auto anstatt auf den öffentlichen Personennahverkehr zurückgriff.

Während sich die wirtschaftliche Lage auf Sylt langsam stabilisierte, geriet das Gleichgewicht zwischen Heimat- und Urlaubsinsel immer mehr ins Wanken. Im Rückgriff auf die Ruhe und Stille während des Lockdowns wurden Stimmen lauter, Sylt sei zu voll und zu fremdbestimmt, Forderungen nach Begrenzung weiteren Wachstums und Möglichkeiten der Mitbestimmung vehementer. Lager formierten sich, Bürgerbewegungen gründeten sich und Anfeindungen spitzten sich zu. Sachliche Argumente blieben oft auf der Strecke, stattdessen verlor man sich in gegenseitigen Schuldzuweisungen und Vorwürfen. Es wurde viel geredet und geschrieben, aber meistens aneinander vorbei. An der Insel wurde gezerrt und gezogen, jeder hatte den Königsweg, nur keiner hörte dem anderen mehr zu. Fast hätte man den Eindruck gewinnen können, die Vorstellungen darüber, was Sylt als lebens- und liebenswerte Insel ausmacht und was notwendig ist, um Sylt als solche zu schützen, gehen meilenweit auseinander. Weit gefehlt. Denn bei allen unterschiedlichen Erwartungen, Interessen und Bedürfnissen herrscht doch weitestgehende Übereinstimmung was die grundsätzliche Ausrichtung und Entwicklung angeht: Allen ist bewusst, dass der Tourismus die Lebensader der Insel ist, dass die Ressourcen der Insel begrenzt  und wertvoll sind und Wachstum nicht das Maß aller Dinge sein kann und darf.

Steg zum Strand in Hörnum
© Julia Lund

Also nur klassisch aneinander vorbeigeredet? Jetzt einfach zur alten Tagesordnung übergehen und weitermachen wie bisher? Nein. Diese Erkenntnis kann nicht Schlusspunkt einer Auseinandersetzung sein, die bereits seit Jahrzehnten immer wieder hochkommt, aber bislang zu keinen weitreichenden Veränderungen geführt hat. Es wird höchste Zeit, die Chance zu ergreifen, sich gemeinsam mit der Entwicklung Sylts auseinander zu setzen und an einer neuen Qualität des Tourismus zu arbeiten. Beides ist untrennbar mit Resonanz verbunden – und darüber müssen wir reden. Und zwar miteinander und nicht aneinander vorbei. Denn Resonanz braucht Offenheit, Austausch und Dialog. Deshalb haben wir im August einen Dialogprozess angestoßen. Gemeinsam möchten wir unter Berücksichtigung der politischen und rechtlichen Handlungsspielräume Leitplanken für einen Tourismus erarbeiten, der die Basis für unser Leben schafft, aber unsere Insel nicht überfordern darf. Oder anders ausgedrückt: einen Tourismus ohne Schieflage. Einen Tourismus der glücklich macht, Sylter und Gäste. In einem ersten Schritt geht es um die Bestandsaufnahme. Dazu werden mittels einer qualitativen Befragung und einer breit angelegten Online-Befragung die unterschiedlichen Meinungsströme, Erfahrungen und Erwartungen erfasst und die dazugehörigen Argumente zusammengetragen. Diese Daten bilden die Grundlage für das im Dezember angesetzte Zukunftsforum, das mit Vertretern aller insularen Interessens- und Meinungsgruppen sowie mit externen Fachleuten besetzt sein wird. Um den lokalen Aspekten der fünf Inselgemeinden Rechnung zu tragen, werden daran anschließend kontinuierlich kleinere Diskussionsrunden auf Ortsebene stattfinden und Erkenntnisse daraus in den weiteren ortpolitischen Diskurs einfließen. Was wird dieser Prozess zu Tage fördern? Was werden wir verändern können, was müssen? Wir wissen es nicht. Wir wollen es auch gar nicht wissen. Denn ebenso wenig wie sich Resonanz erzwingen, verhindern oder vorhersagen lässt, ist auch dieser Prozess ergebnisoffen. Man weiß nicht was passiert und was herauskommt. Und das muss man erstmal aushalten lernen.

Während wir also noch oder vielmehr schon mitten im Dialogprozess stecken und uns mit der Zukunft der Insel und ihrer touristischen Entwicklung auseinandersetzen, haben sich andere bereits festgelegt, zumindest in der Theorie: „Die Zukunft gehört dem Resonanz-Tourismus“, so lautet die Kernaussage des Zukunftsinstituts, das sich in seiner Trendstudie von 2019 „Der neue Resonanz-Tourismus“ den vier Bereichen Angebot, Destinationen, Fachkräfte und Logistik hinsichtlich ihres Resonanzpotentials widmet. Dabei wird deutlich: In der Aufhebung der Unterscheidung zwischen Tourist und Local, zwischen Wohn– und Urlaubsort, zwischen Heimat und Fremde sowie zwischen Freizeit und Arbeit hat der Resonanz-Tourismus theoretisch das Zeug dazu, die allgemeine Lebensqualität vor Ort für alle zu verbessern. Ob in der Praxis auch? Wir sind ergebnisoffen!

Was bedeutet Resonanz?

Leuchtturm am Ellenbogen
© SMG/Dominik Täuber

Resonanz ist ein sozialtheoretisches Konzept, das eine bestimmte Art und Weise des In-Beziehung-Tretens beschreibt. Folgende vier Kernmerkmale gehören laut Rosa zu einer gelingenden Resonanzbeziehung zwischen dem Menschen und seiner Umwelt:
Das Moment der Berührung: Resonanz ist die Erfahrung der Berührung, des Bewegtseins durch eine Sache oder einen anderen Menschen, die oder der dadurch als bedeutsam und wichtig empfunden wird. Sie setzt eine innere Offenheit für Resonanzerfahrungen voraus, ohne dass sie zum absichtsvollen Ziel erklärt wurden.

Das Moment der Selbstwirksamkeit: Eine Resonanzerfahrung erzeugt eine emotionale Reaktion als sichtbare Antwort nach außen, durch die das berührte Subjekt seine Verbundenheit zum Gegenüber herstellt. Resonanz ist ein gleichwertiges Geben und Nehmen, ein wechselseitiges Berührt-Werden und Berühren-Können. Letzteres erzeugt dabei ein Gefühl der Selbstwirksamkeit.

Das Moment der Transformation: Resonanzbeziehungen bewirken immer eine Verwandlung, eine Transformation, eine gemeinsame Veränderung für diejenigen, die Resonanz erfahren. Bei Dingen ist es der eigene Blick auf sie, der sich verändert. Die Veränderung kann groß, aber auch sehr klein sein, in jedem Fall aber erzeugt sie ein Gefühl der Lebendigkeit.

Das Moment der Unverfügbarkeit: Resonanz lässt sich nicht erzwingen, verhindern oder vorhersagen – sie kann nicht kontrolliert oder gekauft werden. Erwartungen können hier also leicht enttäuscht werden. Zudem ist das Ergebnis einer Resonanzerfahrung immer unbestimmt: Die Art der Veränderung, die sie bewirkt, lässt sich nicht vorherbestimmen. en,
Quelle: Zukunftsinstitut, Der neue Resonanz-Tourismus, 2019

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