Bist du das, Margot?

Natürlich Sylt

Die Facebook-Gruppe »Mein altes Sylt« ist mehr als nur kollektives Schwelgen in Erinnerungen. Sie ist ein lebendiges Stück Zeitgeschichte.

Mein altes Sylt
© Henry Albwsky

»Wisst ihr noch ...?« Eine Frage, die insbesondere bei Klassentreffen tausendfach die Runde macht und wahlweise Wehmutsanfälle, Lachtränen oder Verdrängungsprozesse auslöst. Fast immer sorgt diese Frage und mehr noch die Antworten und um das gemeinsam Erlebte aber für einen beschwingten Schulterschluss – in welche räumliche und soziale Richtung auch immer man selbst sich entwickelt hat. So auch in der Gruppe »Mein altes Sylt«, die der Sylter Jörn Radzuweit im August ins Leben gerufen hat. »Auf meiner privaten Seite habe ich jahrelang alte Fotos und Storys rund um Sylt gepostet und meistens haben sich spannende Dialoge dazu entwickelt. In dieser öffentlichen Gruppe haben nun alle die Möglichkeit, das alte Sylt wieder zum Leben zu erwecken.« Offenbar hat er damit den Nerv der Zeit getroffen. Mittlerweile tauschen bereits rund 4500 Mitglieder Fotos, Filme und Anekdoten aus. Egal ob der Schnappschuss aus der Raucherecke der Mittelschule von 1967, das vergilbte Schwarz-Weiß-Foto der Uroma beim Kartoffeln ausmachen um die Jahrhundertwende oder das Abschlussfoto aus der Tanzschule in den 50ern – nahezu jede Ereignis-Karte wird gespielt und dankend aufgenommen, mit Kommentaren aufgeladen und neu in Umlauf gebracht.

Mein altes Sylt
© Martin Lange

Man möchte dabei gewesen sein, bei all diesen so besonderen wie alltäglichen Momenten. Die Community lädt ein, diese zumindest Jahre, Jahrzehnte oder Jahrhunderte zeitversetzt mitzuerleben. Und das ist nicht nur Syltern vorbehalten. »Wer sich der Insel verbunden fühlt, wird an der Gruppe Spaß haben«, versichert Jörn. Selbst dann, wenn nicht alle denselben Humor teilen. So erfährt man von einem Gruppenmitglied: »Als Kinder haben wir oft in Morsum am Deich gestanden und den Kurgästen erzählt: ›Bei gutem Wetter kann man die Zugspitze sehen.‹ Wollten dann alle unsere Ferngläser leihen. Haben wir gemacht für 10 Pfennig.« Unbezahlbar die privaten, fast schon intimen Einblicke, die jedes Foto, jede Geschichte so wertvoll machen. Mehrfach erwähnt ist ein Keitumer Zahnarzt, der nach erfolgter Behandlung wahlweise eine Mark oder eine Süßigkeit verschenkte. Bei den Erwachsenen kam noch eine Schachtel Zigaretten dazu. Ein Kommentar bringt es auf den Punkt: »Ja, der Dr. verstand viel von Patientenbindung. Smiley.« Nicht zu vergessen die zwei Dorfpolizisten in Wenningstedt. »Einer von ihnen kam zu meinen Eltern und sagte: ›Helga, ich werde bald pensioniert und nun musst du deinen Führerschein machen.‹ Meine Mutter fuhr damals immer frühmorgens die Brötchen aus und er wusste, dass sie noch keinen Führerschein hatte.«

Mein altes Sylt
© Jörn Radzuweit

Bei aller Sympathie für die gute alte Zeit – Gejammer und Gemecker von wegen »Früher war alles besser« gibt es hier nicht. Man teilt viel lieber, vor allem Erinnerungen. Wer erinnert sich an die alte Milchkurhalle in Westerland? Wer an das Landschaftliche Haus in Keitum? Wer an das Gefängnis in Tinnum? Wer an Bendix Düysen und den Pustefixbär? Häuser, Restaurants und Geschäfte, die es so nicht mehr gibt, die aber einen festen Platz im Herzen vieler oder zumindest in der Inselchronik haben. Weil sich dort die Eltern kennengelernt haben oder weil man dort als Schüler in den Sommerferien gearbeitet hat. Fasziniert zieht man die Fotos größer und scrollt durch die Kommentare. Ist das tatsächlich die Friedrichstraße? Und hat in dem Haus nicht Elke gewohnt? Den Rettungsschwimmer kenne ich doch! Wer ist das kleine Mädchen auf der Schaukel? Bist du das, Margot? Nicht selten darf man an der Wiedersehensfreude derer teilhaben, die sich seit einem halben Leben aus den Augen verloren haben und sich jetzt hier zumindest virtuell wiedertreffen. Die damals gemeinsam die Inselbahn, die Rasende Emma, bei vereisten Schienen den Berg in Kampen hochdrücken oder im Sommer die Schafe von den Schienen schieben mussten. Dass die Gruppe bei Jung und Alt auf so viel Begeisterung stößt, überrascht und überwältigt Jörn gleichermaßen. »Ich kenne allein fünf Gruppenmitglieder namentlich, die sich mit über 80 Jahren zum ersten Mal an einen Computer gesetzt haben und sich von ihren Enkelkindern haben zeigen lassen, wie Facebook geht«. Daumen hoch für diese Gruppe, deren Mitglieder tief blicken lassen in die Sylter Seele. Und daran erinnern, gemeinsam einer ganz besonderen Insel verbunden zu sein.

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