© SMG/Oliver Abraham

Langstrecke

Natürlich Sylt

Unterwegs zwischen Watt und Weltraum

Sonnenaufgangs Wattwanderung mit Jan Krüger
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Der Mond steht noch am frühen Himmel, ganz zaghaft schleicht sich mit dem ersten Licht der Tag heran. Nationalpark-Wattführer Jan Krüger geht mit seinen Gästen über einen Pfad durch die Dünen hinunter ans Watt vor Hörnum. Drei abenteuerlustige Frühaufsteher blicken auf einen unberührten Meeresboden. Sehen Sandbänke als schwarze Schatten, gestaffelt vor dem Horizont. Dazwischen die Priele, kleine Gezeitenströme, dann das blaue Meer, ganz hinten Föhr und Amrum. „Wir wandern jetzt nach Norden bis auf Höhe Parkplatz Sansibar. Je nach Lust und Laune dauert die Exkursion drei, vier Stunden. Seid ihr bereit?“ Sowas von bereit! Für sieben Kilometer auf dem Meeresboden, für Entdeckungen und Überraschungen.

Für einen kurzen Augenblick frischt der Wind auf. Vögel schwirren umher, gespenstisch und flatterhaft. Ein klagendes schrie-iee-iee, von der Sturmmöwe oder der Silbermöwe, ein spitzes tji-tji- tji, vom Austernfischer, das sehnsuchtsvolle buh-huhuhu der Eiderente - verweht über dem Watt. Es ist Ebbe. Verbliebene Wasserflächen zittern unter dem leisen Wind wie elektrisiert. Jan marschiert voran und erinnert im Gegenlicht mit der geschulterten Grabeforke an Neptun. Die Stimmung ist schön. Schaurig-schön – mit den spukhaften Vögeln, dem Dämmerigen, dem fernen Brandungsrauschen, dem lustvollen Sichverlierenlassen. Wunderschön das Reine und Elementare, das Unberührte dieses frisch aus den Fluten Entstiegenem. Darüber der endlose Himmel mit der Restschwärze des Unendlichen. Unterwegs zwischen Watt und Weltraum. Die Sonne schleicht sich über den Horizont und das Band zwischen dem Blau der See und des Himmels flammt auf – rot, orange, gelb. Zeit für einen Moment des Innehaltens.

Nationalpark-Wattführer Jan Krüger
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Bisher war der Meeresboden eine Reduktion auf hell und dunkel. Nun bekommt er durch das flutende Licht Konturen – wie erstarrte Wellen, wie eine miniaturisierte Fortsetzung der Dünen liegen Sandrippel auf dem Meeresboden. Sie schimmern erst dunkel und leuchten bald satt und sandfarben. Jan schlägt mit Kompass in der Hand die Route nach Norden ein. „Je nachdem, wie es die Wasserverhältnisse und unsere Zeit zulassen, können wir bis zu einem Kilometer von der Küste entfernt gehen.“ Die Strömungsverhältnisse sortieren Sandbänke und Priele immer wieder aufs Neue. Die grobe Richtung und grundsätzliche Route stehen natürlich. Aber wo genau es langgeht, wie weit wir rauskommen – das sieht man erst hier draußen. „Ich muss vor allem auf die Priele achten: Ab knietiefem Wasser gehe ich da nicht mehr mit euch durch. Das ist zu unsicher, zu gefährlich.“ Die einzige Konstante ist die Veränderung, schon ein schwerer Sturm kann die Topographie des Meeresbodens umschreiben. Sicher ist es, immer das erreichbare Ufer an der Seite zu wissen, und nicht von einem Priel abgeschnitten zu werden.

Brotkrumenschwamm
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Weiter geht es bei ablaufendem Wasser auf angenehmen, festen Meeresboden aus Sand. Im Westen leuchtet die Dünenkette der Insel im Morgenlicht. Im Osten schimmert das kalte und tiefe Blau der See. Dort liegt ein großer Priel, der mit seinen Ausläufern parallel zur Küste schwingt. Dazwischen liegt unser Wattwandergebiet – mit aufgeworfenen Sandbänken und weiten Ebenen, mit kleinen, kaum knöcheltiefen Prielen und flachen Seen aus zurückgebliebenem Meer. Jan macht einen Abstecher Richtung Wasserkante. Leises und verhaltenes, aber deutliches Rauschen ist zu hören. Durch diesen großen Priel, der „Rantumlohe“, fließt bis zu zwei Meter tief das Wasser des westlichen Rantumbeckens in die offene See. Die Spiegelungen in den Pfützen werden durch die eigenen Schritte zu Zerrbildern verworfen. Immer heller flutet das Licht über diesen Raum und schafft eine fast überirdische Klarheit. Hinter dem Priel, im Osten, liegt eine Sandbank. „Stopp mal.“ Jan hat es längst bemerkt und setzt das Fernglas an – Seehunde. „Seht ihr? Die sonnen sich auf der Sandbank, rund dreißig Tiere“, flüstert er. Auch er freut sich jedes Mal über solche Begegnungen. Weit weg vom Rest der Welt und mittendrin im UNESCO Weltnaturerbe Wattenmeer.

Wattwanderung mit Jan Krüger
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Nun heißt es wieder Strecke machen. Die Schritte schmatzen und spritzen durch Wasser, schlagen auf festen Sand. Alle Sinne stehen auf Empfang und erleben Natur und Nordsee und machen den Abstand zum Alltag deutlich. Taschenkrebse wie seltsame Alliens, Austern wie lebendige Steine, Bäumchenröhrenwürmer wie umgedrehte Bonsaibäumchen und Geschlechterwechselnde Pantoffelschnecken und noch vieles mehr liegen sprichwörtlich auf dem Weg. Es geht sich prima auf dem Sandwatt, Körper und Geist werden von einer seltsamen Schwerelosigkeit getragen, Zeit und Raum wirken wie aufgelöst. Stille. Doch dann ein Knirschen unter den Sohlen: Miesmuscheln. Die haben sich ein paar Meter weiter zu einer regelrechten Muschelbank zusammen gefunden. Am Ufer einer langgezogenen, erhöhten Fläche liegen Blasentang und allerhand Muschelschalen in schönen bis seltsamen Formen. Und eine Fischkiste aus Plastik, auf der eine Keulenseescheide ihren Lebensraum gefunden hat: Ein daumengroßer Hohlkörper, der beim Draufdrücken Wasser spritzt. Wie die Auster, erklärt Jan, sei die Keulenseescheide eine zugewanderte Art, die ursprünglich nicht im Wattenmeer heimisch war.

Die Sandbank ist vollkommen unberührt. Wieder das Gefühl des Am-Ersten-Tage-Hierseins, die Entdeckerfreuden im Kuriositätenkabinett des Meeres, Robinson zu sein. Und wenn auch nur auf Zeit. Und die neigt sich dem Ende. Im Watt liegt ein See, nicht tiefer als die Sohlen der Stiefel hoch, in vollkommener Perfektion. Es ist völlig windstill und spiegelglatt die Wasseroberfläche. Wieder ist es die Freude über das Vollkommene, über das Unberührte dieses Raums. Die zögern lässt, in dieses Wasser zu treten und den Zauber zu verlieren. Wieder verwerfen die Schritte Spiegelbilder wie einen verschwundenen Traum.

Text: Oliver Abraham

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