© SMG/Oliver Abraham

Natürlich Sylt

Die Problembeere

In den Dünentälern Sylts zum Abschuss freigegeben:
Die aus Nordamerika stammende Cranberry verdrängt heimische Pflanzenarten und soll deshalb dauerhaft entfernt werden.

Dennis Schaper sammelt Cranberries in Hörnum
© SMG/Oliver Abraham

Windgepeitschte Strände, urwüchsige Dünen und sehr bekannte Ferienhausbesitzer: Die beiden Ferieninseln Sylt und Martha’s Vineyard vor der US-Ostküste haben einiges gemeinsam. Beide haben außerdem als Filmkulisse internationaler Hollywood-Blockbuster  Karriere  gemacht: Steven Spielberg inszenierte auf Martha’s Vineyard »Der weiße Hai«, Sylt war Drehort für Roman Polanskis Politthriller »The Ghostwriter« – und doubelte dabei sogar das amerikanische Pendant, dem eigentlichen Handlungsort nach literarischer Vorlage. Bei den Cranberries allerdings hören die Gemeinsamkeiten auf. Auf Martha’s Vineyard gehegt, gepflegt und gefeiert, soll das Heidekraut mit den roten Beeren auf Sylt verschwinden.

Während die Cranberries in ihrer nordamerikanischen Heimat prima mit anderen Pflanzen koexistieren, überwuchern sie auf Sylt die heimische Bodenvegetation. Bis zu einem Meter pro Jahr breitet sich die Großfrüchtige Moosbeere, wie die Cranberry hierzulande heißt, in den Dünentälern aus und verdrängt so mehr und mehr die heimischen Pflanzenarten. »Sie konnte sich lange Zeit ungestört vermehren und wucherte Moore und Tümpel zu, in denen seltene  Pflanzen wie der Sonnentau und der Sumpfbärlapp wachsen«; erklärt Dennis Schaper, Leiter der Schutzstation Wattenmeer Hörnum. Die startete deshalb vor sechs Jahren ein Pilotprojekt mit dem Ziel, das Naturschutzgebiet im Hörnumer Norden von den invasiven Cranberries zu befreien.

gesammelte Sylter Cranberries
© SMG/Oliver Abraham

»Auf einer Fläche von 600 Quadratmetern testen wir seitdem, ob wir die Cranberry mit regelmäßigen Ausrupfaktionen dauerhaft aus dem Gebiet entfernen können.« Mit ersten sichtbaren Erfolgen. »Auf der Probefläche sind mittlerweile deutlich weniger Cranberries zu sehen als in den vergangenen Jahren«, sagt Dennis und zeigt auf die bearbeiteten Flächen in der Dünenheide. »Aber wir müssen systematisch weitermachen, deshalb brauchen wir auch in diesem Herbst wieder viele fleißig Hände, die uns dabei helfen.« Die langen dünnen Ausläufer müssen mit der Hand aus dem Boden gezogen werden, schwere Gerätschaften und Maschinen würden die Torfschicht mit den darin enthaltenden Samen schädigen. Um so wichtiger, möglichst viele freiwillige Helferinnen und Helfer zu aktivieren, die der Schutzstation Wattenmeer dabei zur Hand gehen. Neben der Motivation, zum Erhalt bedrohter heimischer Pflanzen und einer landschaftlichen Vielfalt beizutragen, gibt es noch einen anderen, hochdosierten Vitamin C-Anreiz, bei  den  insgesamt  sechs  geplanten  Arbeitseinsätzen  im  Oktober und November teilzunehmen:  Die  Beeren der Cranberry-Pflanze dürfen geerntet und zur weiteren Verwendung eingesammelt werden. Das ist normalerweise verboten, auch das Betreten des geschützten sogenannten Fauna-Flora-Habitats (FFH) ist ohne die Schutzstation Wattenmeer nicht erlaubt. Deshalb sollten sich Interessierte die angesetzten Termine rot im Kalender anstreichen. So knallrot, wie die Cranberries leuchten, wenn sie erntereif sind.

Auf Sylt werden Cranberries gesammelt
© Schutzstation Wattenmeer

Höchste Zeit, die Cranberry nicht nur als Eindringling, sondern auch als Superfood vorzustellen. Denn wie die meisten Beeren versorgt auch die Kranbeere, wie sie in Norddeutschland auch genannt wird, mit reichlich Vitaminen und Mineralstoffen. Vor allem ihre antioxidativen Bestandteile sollen Harnwegsinfektionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen. Die rohe Beere findet selten Verwendung, da sie einen säuerlichen und bitteren Geschmack hat. In getrockneter Form, gekocht, gezuckert oder als Gelee ist sie jedoch nicht nur gesund, sondern auch äußerst beliebt.
»Cranberries haben einen hohen Vitamin-Gehalt, das wussten sogar die alten Seefahrer schon und nahmen sie mit auf große Fahrt, um Skorbut vorzubeugen. Um 1900 wurde die Cranberry dann als Nutzpflanze in Europa aktiv angepflanzt. Vermutlich hat sich die Art dann über den Vogelzug weiter verbreitet«, erzählt Dennis und kniet sich in die Versuchs-Fläche. Knöchelhoch und dicht ist das Cranberry-Gestrüpp an dieser Stelle, wie ein zusammenhängender Pflanzenteppich legt es sich über den feuchten Boden. Schnell hat Dennis eine Handvoll der kleinen runden Beeren gepflückt. Sie leuchten rot bis sauerkirschschwarz und schmecken herb und sauer, aber angenehm fruchtig. »Wenn wir die Cranberries im vollen Reifeprozess entnehmen, entziehen wir ihr ein Stück weit die Fortpflanzung.« Hört sich brutal an, muss aber sein. Zur Verdeutlichung fischt er aus dem dunklen Wasser einer kleinen Heidemoorfläche ein zartes Pflänzchen, das wie ein urzeitlicher Mini-Farn aussieht – es ist der Sumpfbärlapp. »Wenn wir es schaffen, die unkontrollierte Verbreitung der Cranberries zu stoppen, schaffen es auch diese hier.« Auch Pflanzen wie der Mittlerer Sonnentau und Zwergbinse haben im nächsten Jahr bessere Wachstumschancen. Ihre im Torf schlummernden Samen können im nächsten Frühjahr keimen und so Fläche zurückerobern.

Dennis und seine Kolleginnen und Kollegen von der Schutzstation Wattenmeer wissen nicht nur am besten, wie, wo und warum man das Heidekraut rausrupft, sie haben außerdem süße und deftige Tipps auf Lager, wie man die geernteten Früchte verarbeitet. »Ich koche die Cranberries am liebsten mit Ingwer zu einer Marmelade, aber auch ein Chutney ist lecker und gesund.« Spätestens zum nächsten Thanksgiving nähern sich Sylt und Martha’s Vineyard also auch in der Beerenfrage wieder an.

Text: Jutta Vielberg

Naturschutz zum Mitmachen!

Im Herbst geht’s den Cranberries an die Wurzel. Die Schutzstation Wattenmeer plant sechs Arbeitseinsätze in der Hörnumer Dünenheide und freut sich über jede helfende Hand.

Die Termine: 3. / 9. / 17. / 23. / 31. Oktober 2021 & 6. November 2021, jeweils um 10:30 Uhr

Treffpunkt ist die Bushaltestelle Hörnum Nord, Neopren-Handschuhe werden gestellt, Gummistiefel und wetterfeste Kleidung sind möglichst mitbringen. 

www.schutzstation-wattenmeer.de

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