© Julia Petersen

Die Ölprinzen

Natürlich Sylt

Auf den Feldern des wilden Ostens wächst eine Pflanze, die runtergeht wie Öl. Landwirt Jan Petersen und Kaufmann Christian Gehrke bereichern das kulinarische Inselsortiment mit dem ersten Sylter Rapsöl.

Jan Petersen und Christian Gehrke
© Julia Petersen

Man sieht nicht viel. Der erste Blick auf den Keitumer Acker erscheint etwas farblos, fast schon trist. Hier soll was wachsen? Binnen weniger Monate  goldgelber Raps erstrahlen? Was für Agrar-Laien alles andere als leicht erkennbar ist, löst bei Landwirt Jan Petersen regelrechte Euphorie aus. Tritt man etwas näher heran ans Feld und betrachtet den Boden etwas genauer, sind ganz kleine, grüne Pflänzchen zu sehen. Die Blätter sind so winzig, dass man im Leben nicht erahnen würde hier im Frühjahr eine leuchtende Blütenpracht zu sehen. Wenn denn alles gut läuft. Da gibt es ein Spektrum an verschiedenen Faktoren, die für den Wachstumsprozess essenziell und eben entscheidend sind. Viele, auf die der Mensch keinen direkten Einfluss hat. So könnten Wind, Wetter oder auch der Kohltriebrüssler einer guten 2021-Ernte einen Strich durch die Rechnung machen. Für diese ist in erster Linie Christian Gehrke zuständig. Der Sylter ist leidenschaftlicher Kaufmann und gemeinsam mit Jan Petersen Initiator des ersten Sylter Rapsöls.

Die Idee schlummerte schon länger in den Köpfen der beiden, wurde hier und dort nach dem zweiten Pils gerne wieder aufgetischt und reifte munter heran. Nach erfolgreicher Sabbel- und Planungsphase wurden 2019 endlich Nägel mit Köpfen gemacht und angepackt. Auf vier Feldern zwischen Keitum und Morsum baute das Duo Raps an, parallel wurde nach Produktions- und Abfüllstandorten im Norden recherchiert. Im Frühjahr 2020 folgte dann die erste langersehnte Ernte. Meteorologisch war dieses Jahr laut Jan Petersen wohl nicht ganz so ideal. »Es hat dem Raps zugesetzt. Aber eines lernst du: Demut. Man muss zufrieden sein.« Der erfahrene Landwirt weiß, wovon er spricht. Er wuchs auf einem Bauernhof in der Nähe von Bad Segeberg auf, kümmerte sich später 14 Jahre lang um einen Großbetrieb in Brandenburg. Die Natur, das Anbauen, Anpflanzen, Betüddeln, draußen sein, das ist genau sein Ding. Seit vierzig Jahren lebt Jan Petersen nun schon auf Sylt. Dass er irgendwann mal Jura studierte und ebenfalls als Anwalt tätig ist, das erwähnt er so ganz beiläufig. Hundertfünfzig Hektar Ackerland, achtzig Hektar Grünland und sechzig Mutterkühe scheinen für ihn den perfekten Ausgleich zum Bürosessel  darzustellen. Landwirtschaftlich fällt Christian Gehrkes Know-how zwar wesentlich schmaler aus, dafür punktet er auf betriebswirtschaftlicher Ebene. Seit Dezember 2014 führt er seinen eigenen Supermarkt in Westerland. Bekannt ist sein Geschäft bei den Einheimischen und Gästen unter anderem für die vielen ausgesuchten Bio- und Sylter Produkte. Hinzu kommt ab Winter nun auch das Sylter Rapsöl. Endlich. Ewigkeiten hat sich Jan Petersen geärgert, dass er seinen Sylter Raps, den er seit 2001 anbaut, immer in der Massenware untergehen ließ. Das soll sich nun ändern.

Rapspflanze in Keitum
© Julia Petersen

Dass sich die Anbau-Praxis nicht unbedingt so leicht wie die Theorie oder das Rapsöl-Branding gestaltet, wird den beiden beim persönlichen Feldbesuch erneut bewusst. Die Natur hat das Schicksal der Ernte in der Hand. »Bis zum jetzigen Zeitpunkt war es ein Wettlauf gegen die Zeit, den wir nur mit Hilfe unseres eingespielten Morsumer Teams gewinnen konnten«, erzählt Jan Petersen und geht dabei in die Knie, ganz dicht heran ans Geschehen. Für den großen Mann eine deutliche Etage tiefer. Sein Zeigefinger, mit dem er die filigranen Jungpflanzen berührt, wirkt im Gegensatz üppig. »Am zehnten August haben wir den Raps gedrillt, vorher erfolgte die Roggenernte und nun können wir nur noch abwarten. Laut der neuen Düngeverordnung darf man ab Herbst nichts mehr machen«, so Jan Petersen. Das passt den beiden Rapsunternehmern ohne-hin bestens in den Kram. Denn das Öl soll ein naturbelassenes Produkt sein, möglichst ohne chemische Eingriffe während des Wachstums. Die Verarbeitungsprozedur und Produktion in der »Elbmarsch Ölmühle« ist biozertifiziert und frei von Zusatzstoffen. Der Raps wird kalt gepresst und ist somit, ähnlich wie bei den Olivenölen, von feinster Qualität. Ein Naturprodukt eben.

Sylter Rapsfeld in Keitum
© Julia Petersen

»Hier sieht man es deutlich! Da war ein Kohltriebrüssler dran«, Jan Petersen zeigt dabei auf ein Blatt mit einem sehr lütten und doch unverkennbaren  Löchlein. Nun beugt auch Christian sich in die Tiefe und nimmt das Pflänzchen genauer ins Visier. Daneben strauchelt ein Pflänzchen dynamisch im Wind. »Die wird es wahrscheinlich nicht packen. Ihre Wurzel ist nicht stark genug um sie zu halten«, stellt Jan Petersen fest. Christian zögert nicht lang und klopft die Erde mit der Handfläche drum herum fest, um ihr Stabilität zu geben. »Kannst du da auch nochmal andrücken«, bittet er seinen Kompagnon um Unterstützung. »Wieso sollte ich in die Natur eingreifen?«, antwortet Jan Petersen. »Ja, weil wir doch Erträge wollen«, kontert Christian. Beide müssen lachen. Sie kennen sich schon ewig, sind quasi Familie, denn Jan Petersen ist der Patenonkel von Christians Bruder Patrick. Nun machen sie gemeinsame Sache, haben von vier auf sieben Rapsfelder für die 2021er Ernte erhöht. Wie viel Öl tatsächlich dabei rumkommt, wird man sehen. Im Idealfall sollen 4000 Liter produziert werden. Jetzt ist es erstmal wichtig, dass die Pflanzen richtig wachsen. »Die Witterung ist im Moment für uns. Wenn alles gut läuft, ist der Raps im Dezember circa 20 Zentimeter hoch. Das ist auch eine Frage des Lichts. Ohne dieses kann keine Photosynthese statt-finden«, so Jan Petersen. Doch auch die Bodensubstanz ist entscheidend. Diese erfährt eine sogenannte fünfgliedrige Fruchtfolge, um ein bestmögliches Ernteergebnis zu erzielen. Auf den Raps folgt Weizen, dann Winterbegrünung, anschließend Sommergerste, Humusaufbau und letztlich Roggen, bis der Rhythmus wieder von vorne beginnt. Bevor man den Raps im kommenden Jahr dreschen, lagern und verarbeiten kann, bleibt es spannend. Zunächst blühen die Pflanzen in den schönsten Gelbtönen, nicht selten sind sie zu diesem Zeitpunkt ein beliebtes Fotomotiv. Voraussichtlich im Juli ist der Raps dann reif und statt der gelben  Blüten sind Schoten gewachsen. Denen geht es dann, wenn das Wetter mitspielt, an den Kragen. Das Zeitfenster ist hierfür meist nur sehr kurz. »Wir  machen das traditionell mit dem Schwadmäher. An der frischen Sylter Nordseeluft liegt der Raps dann zwei Wochen lang in Schwad, bis die Körner gleichmäßig schwarz abgereift sind«, fachsimpelt Jan Petersen. Rund ein Jahr lang wird auf diesen Moment hingearbeitet und gewartet. Und falls das Öl dann doch nicht schmecken sollte? »Dann kippen wir es einfach in unseren dreißigjährigen Fendt-Traktor.«

Text: Julia Petersen

Das Öl ist zum Beispiel in den Sylter Edeka Gehrke Märkten sowie online auf www.sylter-rapsoel.de erhältlich.

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