Der Provokateur und seine Gesichter

Natürlich Sylt

Die unkonventionellen Figuren stammen von den schönsten Stränden der Welt, präsentieren mitunter weitgereiste Teile, aber schaffen es trotz aller Kreativität nicht so richtig salonfähig zu werden. Oder vielleicht doch?

Angelo Schmitt
© SMG/Holm Löffler

»Es  geht  hier  nicht  um  mich«,  macht  Angelo  Schmitt  direkt  deutlich. Die Stimme klingt dabei etwas scharf, seine Mimik wirkt sachlich  und  ernst,  ganz  sicher  ehrlich.  Irgendwie  ungewöhnlich  für  einen, der sich stets gut gelaunt, gerne auch albern präsentiert, der nicht selten den Mittelpunkt darstellt. So will es sein Naturell, das brachten die Autoritäten  der  ersten  Schuljahre  schon  zu  Papier.  »Angelo  spielt  oft  die  Rolle  des  Clowns,  um  Aufmerksamkeit  zu  bekommen«,  lautete  die  Bemerkung  des  dänischen  Schulzeugnisses.  Doch  tatsächlich  geht  es  bei  diesem  Projekt  des  gebürtigen  Sylters  nicht  um  ihn  persönlich,  sondern  viel  mehr  um  das  große  Ganze.  Um  die  Welt,  die  Tiere und Natur, den Menschen und seine verheerenden Einflüsse. Gelinde formuliert. So, wie er es niemals sagen würde. Denn Angelo Schmitt spricht die Dinge so aus, wie er  sie  sieht  und  empfindet,  ohne  ein  Blatt  vor  den  Mund  zu  nehmen,  oftmals  ohne  Rücksicht auf Verluste. Zumindest, wenn die Bühne seinem Kunstprojekt »Shades of Trash« gilt.

Angefangen hat alles vor mehr als fünfzehn Jahren, als er noch als Rettungsschwimmer in Rantum saß. Mit Sohnemann Tay, der konnte gerade laufen, spazierte er entlang des Flutsaumes und sammelte dabei Müll. Es war einer dieser gemütlichen, ungemütlichen Sommertage, es regnete und stürmte, sowohl Sylter als auch Gäste blieben dem  Strand  fern.  Mit  vollen  Säcken  marschierte  das  Duo  wieder  zurück  gen  Turm,  leerte die Beute dort aus und inspizierte, was durch Wind und Strömungen an der Sylter Küste landete. »Schau mal, Papa, das sieht aus wie ein Gesicht!«, rief Tay und zeigte auf einige Plastikteile. So legten beide aus dem gesammelten Strandgut, den Deckeln, Fischernetzen und weiterem Abfall, der nicht in die Natur gehört, Figuren. »Aus einem Gummihandschuh entstand damals der erste Charakter. Mein Kollege Dietmar nannte ihn ›SW‹ (ess double-u). Denn, wenn der Wind aus Südwest wehte, wurde dieser auf seinem  Stock  lebendig«,  blickt  Angelo  auf  die  Anfänge  von  Shades  of  Trash  zurück.

Angelo Schmitt
© Josef Grillmeier/jounal g

Der Name des Projekts basiert auf den verschiedenen Farbnuancen der vielen Stücke. »Manche  Deckel  liegen  schon  länger  im  Sand,  erhaschen  nur  von  einer  Seite  Sonne  und entwickeln somit unterschiedliche Töne. Von Neon- zu Pastellgelb, von Schwarz zu Braun. Außerdem variieren die Farben von Land zu Land.«

Seit  »SW«  hat  der  passionierte  Surfer  unzählige  Figuren  kreiert,  ausschließlich  mit  Teilen, die er an den Stränden dieser Welt, von Costa Rica über Südafrika bis Sylt findet. Sein Lieblingsrevier ist die Südspitze der Insel, von Sansibar 2 bis zur Odde. »Aus Südwest kommt der Müll, wenn es aus Nordwest ballert, kommen die Nuggets«, verrät Angelo  und  zeigt  dabei  auf  diverse  Kunststoffkisten.  Darin,  man  mag  sich  vielleicht  wundern,  bewahrt  er  fein  säuberlich  farblich  sortiert  jedes  seiner  Teile  auf.  Selbstverständlich stammen auch die Kisten vom Strand, womöglich von einem der vielen Schiffe. Doch wie bringt er die Funde aus fernen Ländern mit nach Sylt? Nicht selten wird er von den Securitys an den Flughäfen aufgehalten und interviewt. Denn die Figuren setzt er meist vor Ort zusammen und bringt diese auch nur als Ganzes mit nach Hause.  Stilecht  im  Handgepäck.  Wie  schwierig  sich  dieser  Transportweg  gestalten  kann,  zeigt  Kumpel  »Dugfus«  aus  Island.  »Ihm  haben  sie  am  Flughafen  den  halben  Kiefer abgebrochen«, Angelo zeigt dabei auf eine kleine rostige Kugel mit Griff. »Man dachte, ›Dugfus‹ sei eine Bombe«, führt er fort.

Doch  wieso  tut  sich  ein  zweifacher  Vater  diesen  Stress  überhaupt  an?  »Meine  Frau  Kiki hat es bestimmt nicht immer leicht, doch auch sie ist mit ihrem Label Inselkind sehr  engagiert  und  hat  Verständnis.  Ich  möchte  als  Surfer  etwas  zurückgeben  und  auf ein Thema aufmerksam machen, das untergegangen ist. Wir, meine Generation, haben  auf  ganzer  Linie  versagt«,  lautet  sein  schonungsloses  Urteil.  Hierbei  geht  es  Angelo  um  die  Vermüllung  der  Meere  und  Strände,  um  die  vielen  Tiere,  die  durch  die menschlichen Angewohnheiten, den täglichen Konsum qualvoll verenden. Laut Experten landen Jahr für Jahr circa zehn Millionen Tonnen Plastikmüll in den Weltmeeren. Das  würde  in  etwa  einer  LKW-Ladung  pro  Minute  entsprechen.

Angelo Schmitt
© Josef Grillmeier/journal g

Vergleicht  man die extreme Langlebigkeit der einzelnen Kunststoffe mit der kurzfristigen Nutzungsdauer, wird schnell bewusst, dass die Situation ganz stark aus der Balance geraten ist. »Wir haben gepennt, zu doll übertrieben. Die nächsten Generationen sind bewusster,  haben  begriffen,  wie  es  richtig  geht.  Sie  haben  Ahnung  davon,  wie  man  nachhaltig  und  umweltschonend  lebt,  wie  einfach  es  sein  kann  auf  Plastik  zu  verzichten«, führt Angelo fort. Das beobachtet er bei seiner Tochter Joy und das wird ihm bei jedem seiner Surf-, Skate- oder Strandgut-Kurse, die er Kindern und Jugendlichen gibt, bewusst. Mit Begeisterung hängen ihm diese förmlich an den Lippen, wenn er ihnen  die  Szenarien  mithilfe  des  gesammelten  Mülls  demonstriert  und  den  Teilen  auch durch seine Geschichten Gesichter verleiht. Wenn Angelo von der Schildkröte, die sich im Plastik des Sechserträgers verheddert, zu erzählen beginnt, dann zeigen sich sogar die Erwachsenen empfänglich und lernbereit. »Egal ob Manager, CEO oder die  Eltern.  Die  Leute  müssen  es  anfassen  können,  sehen,  fühlen,  um  zu  begreifen,  wie todernst die Lage ist.«

Ihm wurde genau das 2007 bei der Recherche eines Artikels für das Blue-Magazin so richtig klar. »In einem Bericht wurde der Magen eines Wales aufgeschnitten, er war bis zum Rand gefüllt mit Müll. Das war für mich persönlich der größte eye-opener«, erinnert sich Angelo. Dass dieser traurige Fund kein Einzelfall ist, wird immer wieder und im Februar sogar auf Rømø deutlich. Dort fand der Sylter Fotograf Ralf Meyer einen toten Schnabelwal, ein eher seltener Meeressäuger in unseren Breitengraden und der erste seiner Art, der in Dänemark gefunden wurde. Auch in dem Magen des etwa sechs Meter langen Tieres befand sich Plastik. De facto keine Seltenheit, so kosten die Überbleibsel des menschlichen Konsums jährlich bis zu 135.000 Meeressäuger und eine  Million  Meeresvögel  das  Leben.  Kaum  verwunderlich,  wenn  sich  Schätzungen  zufolge circa 600.000 Kubikmeter Müll auf dem Meeresboden befinden. Seehunde, Seevögel,  Kegelrobben,  zahlreiche  Fischarten  oder  Schweinswale  verwechseln  die  Plastikteile mit Nahrung. Die Folgen sind alarmierend.

Shades of Trash
© Angelo Schmitt

Genau das möchte Angelo mit seiner Kunst tief im Bewusstsein der Menschen verankern, mit seinen provokanten Bildunterschriften der Shades of Trash Figuren und den mittlerweile größeren Bauten zum Ausdruck bringen. »Wenn du die Inszenierung zu lieb  machst,  interessiert  es  keinen.  Deswegen  habe  ich  angefangen  größere  Objekte  und auch Gräber zu bauen, zum Beispiel für die Hörnumer Odde, an der 2015 gleich mehrere Stürme nagten«, so der Insulaner. Das letzte Grab inszenierte er unmittelbar vor dem Vereinsheim des Surf Club Sylt e.V. im Rahmen des zehnten Beach Clean Ups vor zwei Jahren. Dass er es war, der diesen damals zu Rettungsschwimmerzeiten ins Leben  rief,  das  erwähnt  er  nur  am  Rande.  »Ich  bin  Künstler,  kein  Verbesserer  oder  Aktivist. Sylt hat gepennt, aber ist jetzt auf dem richtigen Weg. Es gibt hier so viele Personen, die unglaubliches Wissen haben und denen man noch mehr Gehör schenken muss«, lenkt Angelo wieder von seiner Person ab. »Wichtig ist, dass wir darüber sprechen, daraus kein Tabu mehr, sondern das Müllthema endlich salonfähig machen.

Auf Instagram präsentiert Angelo Schmitt als @shades_of_trash einige seiner Figuren, Werke und Mahnmale. Nichts davon steht zum Verkauf, denn an seiner Kunst, das ist ihm wichtig, möchte er sich nicht bereichern.

Text: Julia Petersen

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