Natürlich Sylt

Herbst 2026

HANDGEMACHT

Aus Liebe zum Schönen

Was Sylt im Innersten ausmacht? Das zweifelt niemand an: seine Natur, das Meer ringsum, Flora, Fauna und seine einzigartige Infrastruktur. Danach sind es aber auch gleich die menschlichen Originale, die für Unverwechselbarkeit, Seele und Textur sorgen. In dieser Ausgabe der „Natürlich Sylt“ richten wir unser Augenmerk auf kreative Köpfe in der Nische zwischen Handwerk und Kunst. Die gute Nachricht: In letzter Zeit starteten wieder etliche junge, leidenschaftliche Handarbeiterinnen und Handarbeiter ihr eigenes Business auf der Insel - und begeistern mit Individualität und Nonkonformismus. Sie alle haben sich für Lebensentwürfe entschieden, die erfüllend sind, aber Mut erfordern. Ihr Tun ist für die Attraktivität Sylts kaum in Gold aufzuwiegen. Hier einige Beispiele…

Saskia Hylmar 
eröffnet in Braderup ihre Atelier-Werkstatt

„Wenn nicht jetzt, wann dann?“ 

Inselkinder der Generationen X und Y haben bestimmt noch ihre handgetöpferte Namens-Tasse vom „Witthüs“ im Bestand. Ob als Behälter für Zahnbürsten im Bad oder staubfrei in der Vitrine: Den Keitumer Unikaten wird durch alle Stürme des Lebens hindurch ein Ehrenplatz zugewiesen. Sie haben Wert - vor allem einen emotionalen. Das Sylter Töpferhandwerk erlebte mit der „Witthüs“-Töpferei und Namen wie Till Bruttel und Regine Skoluda eine schillernde Ära. Ein Hauptgewinn für Sylt, dass in der Braderuper Scheune - dort, wo alternative Kultur und Lebensart eh seit Jahrzehnten blüht - wieder Töpferwaren mit der Lizenz zum Lieblingsstück entstehen. In der Atelier-Werkstatt von Saskia Hylmar lässt sich die sinnliche Kunst des Töpferns sogar erlernen.

„Weniger wollen - mehr erreichen“ ist einer dieser Teebeutelsprüche mit Wahrheitsgehalt. Er liefert auch sowas wie die Überschrift für das Leben von Saskia Hylmar. Denn innere Ruhe und Vertrauen ins Leben sind zwei der Qualitäten dieser unprätentiösen Frau. Für Interview und Fotos hat sie Ende September ihre Mini-Auszeit in Dänemark mal eben unterbrochen und schmeißt in ihrem neuen Arbeitszuhause die hinterste der vier Töpferscheiben an. „Ist doch gar kein Ding - schnell gemacht“, sagt die Wahl-Sylterin, fasst die lange Mähne zu einem hutartigen Gebilde auf dem Kopf zusammen, bindet ihre Schürze um, bereitet ein Stück Ton vor und dreht aus dem Klumpen Erde während des Gesprächs eine bildschöne Vase. Umgeben von der puren Behaglichkeit in ihrem neuen „Atelier-Showroom-Klassenzimmer“.

Der Flow, das völlige Aufgehen in dem, was man gerade tut, zieht sich wie ein roter Faden durch ihren fast romanhaften Lebensweg. Geld zu verdienen, dient in ihrem Kosmos allein dazu, das zu leben, was sie möchte. Vermögen ist kein Wert an sich. Saskia, die ursprünglich aus Hameln stammt, hielt sich selbst lange Zeit für „talentfrei, was kreatives Arbeiten mit den Händen anbelangt.“ Wie sie langsam, aber traumwandlerisch sicher der Faszination des Töpferns erlag und was das Hörnumer Restaurant „Strænd“, der Sylter Tischler Jan, viele Zufälle und vor allem Neuseeland damit zu tun haben, hat Autorin Julia Petersen ganz wunderbar beschrieben. Die ganze Lebensgeschichte von Saskia gibt’s hier.

Töpferin Saskia Hylmar
Töpferin Saskia Hylmar
  • Bildunterschrift

Wir steigen im April 2026 ein. Saskia hatte da schon längst das Arbeiten mit Ton professionalisiert, sich in Hamburg, Barcelona und der Toskana ausbilden lassen. Sie hatte ihre Ära als Mitbetreiberin des „Strænd“ hinter sich gelassen und ihr eigenes Label „hylli k.“ kreiert: Ihre Herz- und „Großraum“-tassen in zauberhaft pastelligen Tönen hatten bereits den Weg in die erste Reihe der Küchenschränke gefunden. Saskias Keramik verkaufte sich blendend an besonderen Orten wie im Bulli „Küstenbohne“ am Wenningstedter Dorfteich oder auf dem Kampener Weihnachtsmarkt. Auch gab’s immer mehr Anfragen von Menschen, die das Drehen an der Töpferscheibe selbst erlernen wollten, um die Nebenwirkungen dieser Handarbeit auf die Seele zu spüren.

Dann kam die Gelegenheit für Saskia, ihre eigenes Refugium anzumieten. Sie erfuhr, dass ein Teil der Braderuper Scheune* bei Familie Dethlefs auf dem Hof frei werden würde: Dort, wo früher Senior-Hausherrin Inge mit ihrem Mann Helmut musizierte, wo sie malte und Schmuck entwickelte. Dort, wo nach dem Umbau exzellente Kaffeemischungen entstanden und dann Tim Lichtendahl die Galerie von „Coco & James“ installierte. Sein Concept-Store (im ehemaligen „Körnerladen“) und die Kunst sind ins Rantumer Quellenhaus umgezogen.

Saskia entschied sich für die Scheune. Mit einem ordentlichen Invest wurden moderne Töpferscheiben und ein Ofen angeschafft und für eine hyggelige Ausgestaltung der neuen Betriebsstätte gesorgt. „Wenn nicht jetzt, wann dann? Es fühlt sich richtig an“, meint Saskia und ergänzt dann, weil sie sich ungern zu weit aus dem Fenster lehnt: „Und Geld verdienen in der Gastronomie - das kann ich notfalls ja immer noch, falls es nicht läuft.“

In der Tat ist Töpfern nichts, was sich in Windeseile erlernen lässt. Es trainiert Geduld, erfordert Hingabe und Konzentration.
Saskia Hylmar
Töpferin Saskia Hylmar
Töpferin Saskia Hylmar
  • Bildunterschrift

*Wie Keitum steht auch Braderup seit Jahrzehnten für alternative Lebensentwürfe, für Kunst und Kunsthandwerk: Inge Dethlefs etablierte hier den ersten Biomarkt der Insel: ihren „Körnerladen“, den ihre Tochter Daphne bis vor ein paar Jahren weiterführte und der gerade leer steht. Auch das Naturzentrum Braderup erinnert mit dem Clara-Enns-Haus an eine für Sylter Widerstand und Naturschutz herausragende Persönlichkeit. Mehr dazu im Buch: „Zuhause am Meer“. Auch die „Sylter Ledermanufaktur“ und das „Café Curve“ sind Braderuper Adressen, in denen der Freigeist lebt. Direkt über Saskias Atelier-Werkstatt befindet sich heute das „Osteopathie- und Faszienzentrum Sylt“.

Saskias Kursangebot ist facettenreich. Wer möchte, kann hier seine Lieblingsstücke auch ohne Scheibe mit der Hand aufbauen. Fortgeschrittene werden ebenfalls ihren Nährboden finden. Der Schnupperkurs für absolute Beginner dauert 2,5 Stunden, führt in die Essentials ein, beinhaltet ein bis drei erste, eigene Stücke, gesunde Snacks und Getränke. Das sogenannte „Abdrehen“, das Vorbereiten auf das Brennen, das Glasieren in Farben der Wahl und den zweiten Brennvorgang übernimmt Saskia in den folgenden Tagen. Die Erstlingswerke werden Gästen auch nachgeschickt. Ehrensache. 

Töpferin Saskia Hylmar
  • Bildunterschrift

Zwischenüberschrift

„In der Tat ist Töpfern nichts, was sich in Windeseile erlernen lässt. Es trainiert Geduld, erfordert Hingabe und Konzentration. Zudem braucht’s die passende Stimmung“, versichert Saskia. Selbst ihr gelingt nicht an jedem Tag alles. „Meine Hände und mein Kopf wissen inzwischen natürlich, wie man eine Herztasse beinahe im Schlaf dreht. Aber manchmal weiß ich, dass ich lieber aufräume, mich mit Brennen oder Glasieren beschäftige als mit der Produktion an der Scheibe.“ Niemals werden ihre Arbeiten Massenware sein, immer wird Saskias Arbeit einen Hauch kreativer Freiheit umwehen. Das ist der Lohn für ihren Mut. Was sonst noch so passieren wird? „Ich bin gespannt“, meint Saskia mit dieser Zuversicht, die mit ihrem Tun an Töpferscheiben offensichtlich in unmittelbarem Zusammenhang steht.

Ein „hylli-k.“-Lieblingsstück erwerben, lässt sich in der Braderuper Scheune nicht 24/7, aber regelmäßig! Aktuelle Öffnungszeiten auf Saskias Website. Und News gibt es auch auf Instagram.

Welche Sylter Hand- und Soulworkerin Saskia empfiehlt?
„Sina Jockumsen. Sie töpfert mit ihrem Label ,Die Friesin’ ebenfalls wunderbare Tassen - auch mit Leopardenmuster. Und Sina strickt: herrliche Pullover nach individuellen Wünschen!“ Anschauungsmaterial gibt es in der Rantumer Kaffeerösterei, auf Märkten und auf Insta: @die.friesin

Wer Lust hat, Keramik-Rohlinge zu bemalen und zu veredeln, der kann das in aller Form in Westerland tun: „Sylt Keramik“ in der Strandstraße hat sich gerade vergrößert.

Sören Hansen und 
seine Bilderbuch-Tischlerei am Rantumer Hafen

Wie Meister Eder - bloß in fresh

Der Rantumer Hafen und der Weg dorthin sind für Sylter Verhältnisse angenehm unperfekt. Hier sieht’s nach Arbeit aus, nach Alltag, gelebtem Leben. Kaffeerösterei, Strandkorb-Manufaktur, Whiskey-Destillerie, Fischbrötchen, kleine Boote, der Geruch nach Salzwiese und Schlick. Die Idylle hier hat Brüche, ist etwas unordentlich, nordisch spröde und erschließt sich nicht jedem. Als Besucher:in fühlt man sich immer ein wenig wie ein Eindringling im Hafen-Kosmos. Eine Adresse, die diese Rauheit nichtmal ansatzweise zu übertünchen versucht, ist die Werkstatt von Tischlermeister Sören Hansen in der Hafenstraße 3a.

Kobold Pumuckl hätte sich zwischen den Bohlen und Planken, den Sägespänen und Maschinen und bestimmt auch mit dem fleißigen Meister wohlgefühlt. Wie "der Eder“ aus der Kindergeschichte liebt auch der Meister hier perfektes Handwerk, brillante Holzeinbauten und das Alleinsein im Arbeitskosmos. Sören Hansen ist ein liebenswerter Eigenbrötler. Aber eben einer aus Morsum, nicht aus München. „Ich mag es, solo-selbständig zu sein. Das passt zu mir“, versichert der Mann, der nordisch cleane Möbeldesigns schätzt, aber natürlich alles kann, was aus gutem Holz gemacht wird.

60 Stunden die Woche alleine in der Werkstatt sind für ihn keine Seltenheit. „So easy im Tischler-Handwerk auf Sylt Geld verdienen wie in früheren Jahrzehnten lässt sich nicht mehr. Die Materialkosten sind explodiert. Die Kunden überlegen länger.“ Es gibt Tischler-Kollegen vom Festland, die günstiger arbeiten können. Vor allem, weil sie keine Sylter Mieten bezahlen müssen. Die jungen, selbstständigen Tischler von der Insel, eine kleine Handvoll, arbeiten solidarisch und unterstützen sich, mit was auch immer. Im Sylter Branchenbuch sind knapp zwei Dutzend Tischlereien notiert - darunter auch traditionsreiche Betriebe mit größeren Teams. Sören und seine jungen Kollegen haben sich für die Variante: „puristischer Kleinbetrieb“ entschieden, damit ihr Business überhaupt funktionieren kann.

Tischlermeister Sören Hansen
Tischlermeister Sören Hansen
  • Bildunterschrift

Für Sören war der Opa, Zimmermann Hansen, das entscheidende Vorbild. Auch sein Vater ist selbstständiger Handwerker im Segment Bad, Heizung und Haustechnik. Die Firma „Hansen & Hansen“ wird heute von Sörens Schwester Levke, gelernte Bankkauffrau, geführt.

„Mir war mit fünf, sechs Jahren schon klar, dass ich mit Holz arbeiten wollte“, meint Sören. Und das tat er: Mit 16 ging er in Langenhorn in die Lehre. Nach ein paar Jahren als Geselle besuchte er mit Anfang 20 die Meisterschule in Hildesheim und war mit 23 einer der jüngsten Meister seines Fachs. Eines seiner Prüfungsstücke in der Ausbildung war eine edle Vitrine für seine Geigen. Seine Liebe zur selbstgemachten Musik wie auch seine eigene Malerei ruhen, seit er selbstständig ist. „Nur vorübergehend“, versichert er. Wenn Wind und Wellen stimmen und die Bedingungen fürs Surfen oder Wingfoilen passen, dann lässt Sören in der Werkstatt alles stehen und ist auf dem Wasser.

„Das ist mein Luxus. Ich reise auch viel weniger als früher. Mein Leben als angestellter Tischler war deutlich komfortabler, aber ich lieb die Selbstständigkeit. Ich würde immer wieder genauso entscheiden“, sagt der junge Kreative inmitten seines kleinen Rantumer Reichs. Sein Portfolio reicht von Reparaturarbeiten bei einem respektablen Kreis an Stammkunden über maßgefertigte Möbel bis hin zu großen Projekten - wie zum Beispiel der Renovierung eines ganzen Hotels in Westerland. Zudem empfehlen ihn mehrere Vermietagenturen auf der Insel bei ihren Eigentümern als „Tischler des Vertrauens“.

„Gerade habe ich für ein älteres Paar ein Angebot geschrieben. Die möchten ihre Wohnung im Kurviertel komplett mit Einbaumöbeln in einem traditionellen Stil ausstatten. Da habe ich voll Lust zu - das wäre toll, wenn’s klappt“, meint er.

Mir war mit fünf, sechs Jahren schon klar, dass ich mit Holz arbeiten wollte.
Sören Hansen

Wenn in diesem Herbst alle Projekte, für die er ein Angebot geschrieben hat, was werden, wäre sein Auftragsbuch bis auf Monate hinaus knackevoll. „Aber das Geld sitzt eben nicht mehr so locker bei den Kunden. Ich habe da aber totales Vertrauen, das wird gut“, versichert er mit den vier Jahren Erfahrung als sein eigener Boss. 
Selbst entworfene Möbel sind für ihn die Sahnehaube. Was er gerne mal designen und bauen würde? „Ein Möbelstück, das für Kaffee-Aficionados perfekt ist“, meint der Könner, der in seinem Morsumer Zuhause selbst die Kunst des guten Siebträger-Kaffees zelebriert. „Mache ich aber nur noch am Wochenende, damit ich es auch wirklich genießen kann.“

Tischlermeister Sören Hansen
Tischlermeister Sören Hansen
  • Bildunterschrift

Während er fräst, sägt, hobelt und was es sonst noch alles braucht, um aus Holz kleine Meisterwerke zu bauen, hat er Kopfhörer in den Ohren und hört: „…vor allem Podcasts, gerne auch politische Formate. Gerade in diesen Zeiten bin ich gerne gut informiert. Das fühlt sich für mich besser an als unwissend zu sein. So werde ich beim Arbeiten schlauer, ist doch super“, meint der Ur-Sylter augenzwinkernd.

Mit seinen maritimen Tattoos und seinem ausgesuchten Style muss er auch immer mal als Model herhalten. Was nicht verwundert. Mit seinem ikonischen Look ist er ideale Projektionsfläche für alles Maritime und eine nordische Art von Männlichkeit. Für ihn ist die Kunst auf seinem Körper vor allem Ausdruck eines Lebensgefühls und seiner Verwurzelung am Meer. „Aber so richtig gerne im Mittelpunkt stehen, das tue ich eigentlich gar nicht. Ich bin gerne für mich“, meint der schicke Friese und widmet sich seinem Lieblingswerkstoff.

  • Sörens Tipp: Wenn er nicht arbeitet oder surft, dann geht er gerne in die „Winebank“, dem Club für Weinbegeisterte, wo er selbst ein eigenes Fach mit guten Tropfen angemietet hat. „Ich lieb’s. Es ist so eine nette Community dort!“

Sylter Surfer und Tischlermeister Sören Hansen auf den Wellen vor Westerland:

Wellenreiter in Westerland bei Sonnenuntergang

Susanne und Jürgen Sperling und der gemeinsame Sprung ins kalte Wasser

Kunststück mit vier Händen

70 Prozent aller Songtexte und die meistverkauften Romane dieser Welt können nicht täuschen: Die Sehnsucht nach der annähernd perfekten Liebe ist noch immer einer der größten Motoren der Menschheit. Und wenn’s gelingt - aller Unbill zum Trotz - ein solches Gegenüber nicht zu suchen, trotzdem zu finden und dann auch noch zusammen Kunst zu erschaffen, klingt das fast zu schön, um wahr zu sein. Susanne und Jürgen Sperling haben dieses seltene Glück miteinander. Die Bilder und Skulpturen, die die beiden Sylter seit einiger Zeit gemeinsam produzieren, sind eine Verneigung vor ihrem Lebensglück.

Gerade hatten die beiden ihre erste Ausstellung. Ein Riesenerfolg. Zwei Wochen in der „Galerie am Meer“ an der Promenade. Verkäufe, sinnstiftende Begegnungen, Interesse von Galeristen. „Wir haben einfach die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen. Es gab eine 14-tägige Ausstellungslücke in der ,Galerie am Meer’. Die haben wir genutzt. Ein Sprung ins kalte Wasser, der aber beglückender nicht hätten sein können“, resümieren die beiden bildschönen, sonnengegerbten Inselmenschen beinahe unisono und bleiben mit ihren Worten dem Element treu, das ihr Leben, ihre Kunst, ihre Leidenschaft bestimmt: das Meer und der Strand. Die beiden wirken wie verschmolzen mit Gezeiten, dem Wind, der salzigen Luft, dem Rauschen. Ihre Kunst ist Ausdruck dessen.

Jürgen befreite in den letzten 43 Sommern den Westerländer Strand von Müll. Er kennt jeden Dünenhalm mit Namen, legt jede Woche 90 Kilometer am Strand zurück und hat in seiner geliebten Tätigkeit kilometermäßig etwa dreimal den Planeten umrundet. „Jetzt ist aber wirklich Schluss. Ich bin ja eigentlich schon seit zwei Jahren pensioniert“, sagt der Mann, der vor Vitalität nur so strotzt. Er wird seine Kolleginnen und Kollegen vermissen, Lena vor allem, und Michael vom Tante-Emma-Laden am Westerländer Campingplatz, der ihn immer mit Frühstück versorgt hat.

Weniger am Strand sein wird er sicher nicht: Denn immer schon war er auch in seiner Freizeit pausenlos am Meer, um zu angeln, zu schwimmen, zu wandern, zu paddeln. All diese Leidenschaft teilt er mit Susanne - und damit sind wir bei der Kunst der Sperlings: Susanne, im bürgerlichen Leben als Fußpflegerin selbstständig, druckt Fische und andere Meerestiere nach einer alten japanischen Technik auf Seide und verwandelt die Drucke mit schönsten Farben in Kunst. Die Fische hat das Paar selbst geangelt. Und sie werden am Ende auch immer verzehrt. „Es ist uns ein Anliegen, die Schönheit dieser Wesen zu zeigen. Wir haben großen Respekt vor der Natur, leben und arbeiten bewusst und nachhaltig“, sagt Susanne. 

Susanne und Jürgen Sperling
Susanne und Jürgen Sperling
  • Bildunterschrift

Jürgen baut zu jedem Druck den energetisch passenden Rahmen aus seinen Treibholz-Beständen. Upcycling at his best. Das Holz finden die beiden natürlich vor allem am Strand - nicht selten sind es Planken von uralten Schiffen. Daraus baut Jürgen Rahmen, Skulpturen und kunstvolle Leuchtengestelle. Die Freude, gemeinsam Schönes mit den Händen zu erschaffen, hat für beide auch eine spirituelle Note. Das ist zu spüren, in ihrem Zuhause und in dem Raum, wo ihre Werke Anfang September in aller Fülle zu sehen waren.

„Susanne tut sich etwas schwer, ihre Arbeiten gehen zu lassen“, meint Jürgen lächelnd, als er seine Liebste im Gespräch mit einem interessierten Kunstliebhaber sieht. Die beiden werden sich an diese Art Abschied wohl gewöhnen müssen - denn der Zuspruch ist groß. Jetzt im Oktober sind die Werke im „Hotel Hof Galerie“ in Morsum ausgestellt.

Susanne und Jürgen Sperling
Susanne und Jürgen Sperling
  • Bildunterschrift

Es ist uns ein Anliegen, die Schönheit dieser Wesen zu zeigen. Wir haben großen Respekt vor der Natur, leben und arbeiten bewusst und nachhaltig.
Susanne Sperling

Gearbeitet wird vorwiegend am Westerländer Küchentisch: Die beiden wohnen in einem kleinen Häuschen mit spanischem Flair im Norden Westerlands - im Garten von Jürgens Mutter. Sie beherbergt das Material für die Kunst im Keller und war mit weit über 90 bei der Ausstellungseröffnung mit von der Partie.

Diesen Winter wollen Susanne und Jürgen nicht groß verreisen: Sie werden das tun, was sie lieben. Am Meer sein, sich viel bewegen, genießen und Kunst schaffen. Dort, wo es etwas wärmer und heller ist, wird man sie dieses Jahr wohl nicht antreffen. „Es ist so schön hier. Wir fahren diesen Winter höchstens mal nach Dänemark“, meinen die beiden, die sich an der spanischen Atlantikküste zum ersten Mal so richtig begegnet sind.

Die Love Story

El Palmar, Barbate, Vejer - wundervolle Orte im Südwesten der iberischen Halbinsel. Dort trafen sich die beiden Sylter vor 18 Jahren zufällig, wenn es Zufälle denn gibt. Sie kannten sich von ihrer Zuhause-Insel schon seit Jahrzehnten - aber eben nur aus der Ferne. Susanne besuchte damals ihre Schwester, die in Andalusien lebt. Jürgen machte Urlaub. Die beiden verstanden sich prächtig und spürten sofort eine Anziehung. Ihre Liebe ließen sie dann aber vorsichtig wachsen. Denn sowohl Susannes Tochter Anna als auch Jürgens Töchter Sina und Sohela sollten sich an die neuen Umstände gewöhnen können. So konnte ihre Art von Patchwork gelingen…

Wer Interesse hat, die Werke der Sperlings anzusehen, kann Susanne einfach eine WhatsApp-Nachricht schreiben. Tel. 0152 0241154

Susanne und Jürgen Sperling
Susanne und Jürgen Sperling
  • Bildunterschrift

Am Rande aufgeschnappt!

Nach 43 Jahren im Müllsammel-Business für den Insel Sylt Tourismus-Service hat Jürgen eine positive Nachricht auf Lager: „Als ich mit meinem Job angefangen habe, war die tägliche Müllbilanz viel höher als heute. Die Menschen sind bewusster geworden im Umgang mit der Natur. Das gilt zwar nicht weltweit, aber hier bei uns auf jeden Fall“, meint einer, der es wirklich wissen muss.

Seelenvolles Kunsthandwerk

Glänzend!

Die Sylter Dichte an Goldschmieden dürfte noch heute unerreicht sein. In Morsum entwickeln Edda Raspé und ihr Sohn Jonas prachtvolle Schmuckunikate. In Keitum hat Birte Wieda ihre Atelier-Werkstatt und am Ortseingang lockt Christoph Freier mit bunten Edelsteinen in schönsten Fassungen. In Kampens Kurhausstraße sorgen Susanna Dünne und ihr Team für prächtige „Klunker“. Eine exzellente Adresse für mundgeblasene Glaskunst gibt’s unmittelbar im Keitumer Bahnhof bei Antje Otto. Produktion und Verkauf an einem Ort hat auch die zauberhafte Seifenmanufaktur der Familie Deppe in Morsum. Auch auf den Sylter Advents- und Weihnachtsmärkten kann man die Werke vieler Sylter Kreativer bestaunen und erwerben. Eine Übersicht für noch mehr seelenvolle Sylter Produkte gibt es hier:

Handgefertigter Goldschmuck von Christoph Freier
Handgefertigter Goldschmuck von Christoph Freier
  • Bildunterschrift…Christoph Freier

Winter-Hype

Die Kolumne von Imke Wein

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Die Vorfreude auf die Sylter Winterzeit? Ist total echt und durchaus kein Marketing-Geblubber. Immer mehr Locals können sich den monatelangen Aufenthalt an südlichen Gestaden eh nicht mehr leisten und machen darum an langen Winterabenden auf ihrer Heimatscholle das Beste aus kurzen Tagen und langen Nächten. Im besten Falle entsteht Raum für das, was man ohnehin schon immer mal machen wollten. Zum Beispiel: mehr wirklich-wahre Treffen mit Freunden, weniger Bildschirmzeit, Horizonte weiten, Neues lernen, kreativ sein. Ist auch das effektivste Mittel gegen möglichen Winterblues. 

Teestunde auf Sylt mit Zeitung und Meerblick
Teestunde auf Sylt mit Zeitung und Meerblick
  • Bildunterschrift

In den Metropolen sind handyfreie oder auch Töpfer-Cafés, öffentliche Spieleabende oder Open-Stages im Lokal um die Ecke schon Standard. Und auf Sylt tut sich viel: Die „Sylter Sturmwoche“ im Januar bietet zehn Tage lang ganz konzentriert abgefahrene Events und Kulturformate jenseits des Mainstreams. An jedem ersten Freitag im Monat veranstaltet die Musikschule unter der Federführung von Autor und Musiker Jörn Ingwersen im Musiktheater die offene Bühne „Your turn“. Und ebendieser Jörn Ingwersen hat auch ein Sylt-Musical komponiert, das über diesen Winter mit all denen inszeniert wird, die Lust auf Singen, Musizieren und viel Augenzwinkern haben. 

Strandsauna Samoa mit direktem Meerblick
Strandsauna Samoa mit direktem Meerblick
  • Bildunterschrift

Sensationell für Horizonterweiterung: die „Literaturwoche“ in den Privathotels Sylt Anfang November. Und hoffentlich gibt es auch wieder die „Abendkultur“ im Surfhouse. Das geht so: Einfach sein aktuelles Handarbeits- und Kunstprojekt mitbringen, schnacken und werkeln. Na ja, und natürlich ist das Töpfern bei Saskia (siehe oben) auch eine Option, die in den Sylter Kreativ-Winter passt, wie die Sauna am Strand. Die sind übrigens die nächsten Wochen noch alle drei geöffnet. Und in Wenningstedt an der Seestraße gibt es jetzt testweise auch eine Option: eine Tiny-Sauna, die man mit bis zu sechs Personen buchen kann.

Sag ich doch: Sylt im Winter ist heiß. Für Locals und für Gäste. Und Einsamkeit findet man natürlich bei Bedarf auch in Hülle und Fülle.

 Mitarbeiter:innen dieser Ausgabe

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