Natürlich Sylt

Frühjahr 2026

WOLL-LUST

Die Insel im Schafspelz

Bitte hier die Einleitung noch einfügen, sobald sie da ist….jippieyeah….Schreibende aller Genres eskalieren gerne, wenn sie die Wucht des Windes in Worte fassen. Stürme sind als Naturphänomen aber nicht nur für Autor:innen ein Faszinosum: Bedrohlich, bisweilen verheerend, geheimnisvoll, Demut einflößend und auf der Metaebene voller Chancen auf Läuterung und neue Erkenntnis.

Welcher Ort wäre besser als Sylt geeignet, welcher Monat idealer als der Januar, um in der Natur und an besonderen Inselorten ein Festival zu feiern, das sich dem Sturm widmet, gleichsam den Horizont weitet, unkonventionell ist, einen Kompass für wilde Zeiten liefert, sich Breitseite in den Wind stellt und Momente der Einmaligkeit beschert?

Voilà: die Sylter Sturmwoche vom 16. bis zum 25. Januar mit 16 Natur- und Kulturerlebnissen.

© Sonja Rommerskirch | Sylt Marketing

BEI DER ARBEIT!

630 Naturschutzaktivisten

Malerischer als die Kulisse „Fjordlandschaf-Herde inmitten nordischer Heidelandschaft“ geht kaum, oder? Doch: Wenn dazu noch im Background das Wattenmeer glitzert! Die 500 tierischen Landschaftspfleger, ihre zweibeinige Chefin Uta Wree und zwei top ausgebildete Hütehunde sorgen jedenfalls im Sommerhalbjahr auf Sylt auch nach über zehn Jahren noch für Aufsehen, wo sie gehen und stehen, bzw. hüten, weiden und wiederkäuen.

Diese prachtvolle Einheit aus Mensch, Tier und Natur spielte bereits eine zentrale Rolle in einem Werbespot mit „Kloppo“. Quasi zu Hollywoodehren kamen die Hirtin und ihre Herde vor zwei Jahren, als Emmy-Preisträger Eugène Levy für die Sylt-Episode der zweiten Staffel seiner Reisedoku „The Reluctant Traveler“ die Wanderschafe und ihre Chefin ins Bild hob.

Und 2026? Sind die wolligen Celebrities zwischen Mitte April und Ende Oktober natürlich wieder auf Sylt unterwegs - zu fast gleichen Teilen auf der Naturschutzfläche in Flughafennähe, auf dem Morsum Kliff und in der Braderuper Heide. Überall dort ist die Arbeit der Mensch-Tier-Teams von existentieller Bedeutung für bedrohte Tier- und Pflanzenarten.

„Wir machen auch gerne Öffentlichkeitsarbeit. Aber nur, wenn alle versorgt und die Herde entspannt ist. Denn unser Primärauftrag geht vor“, meint Uta Wree und bittet um Respekt und die nötige Distanz zu ihr und den Fjordlandschafen.

Für Besser-Wisser:

Warum Schafe (und auch Ziegen!) als Landschaftspfleger auf mageren (Heide-)Böden in Sylter Schutzgebieten eingesetzt werden? 

  • Sie fördern gezielt das Wachstum bestimmter, seltener, oft vom Aussterben bedrohter Pflanzenarten. Denn die Schafe befreien die Flora von Büschen, Kräutern, Sträuchern, die sie sonst überwuchern und letztendlich absterben lassen.

  • Schafe stimulieren durch ihre Tritte das Wachstum der Heide und anderer bodennaher Pflanzen in Naturschutzgebieten.

  • Sie sind das Taxi für Pflanzensamen und Insekten. Bis zu 2.000 unterschiedliche Lebewesen können sich in ihrer Wolle aufhalten und werden durch Beweidung weitertransportiert und irgendwann wieder abgeschüttelt. Seltene Pflanzen- und Insektenarten finden so Verbreitung.

  • Schafe koten nie da, wo sie Nahrung aufnehmen. Das heißt: Auf Magerwiesen, die einen nährstoffarmen Boden brauchen, gibt es durch die Schafe keinen zusätzlichen Stickstoff-Eintrag. 

  • Die tierischen Landschaftspfleger nehmen zwölf Kilo Grünfutter pro Tier täglich auf, käuen es in ihren Ruhe- und im Nachtpferchen stundenlang wieder und hinterlassen dann dort ihren Kot. Die Suche von geeigneten Ruheorten ist ein wesentlicher und nicht immer einfacher Punkt auf Uta Wrees Arbeits-Agenda. 

Was bin ich?

WANDERSCHÄFERIN

Beim heiteren Beruferaten „Was bin ich?“ hätten sich die Kandidaten bei dieser Profession wahrscheinlich die Zähne ausgebissen: Wanderschäferin. Uta Wree ist zwar „von Haus aus“ Tierärztin. Heute lebt sie aber mit weit über 1.000 Fjordlandschafen im Winter auf einem historischen Hof bei Schleswig. Im Sommer sind ihre Tiere in zwei Herden an der Schlei und auf Sylt unterwegs. Sie vermarktet auch das Fleisch und die Wolle ihrer robusten Tiere, die 365 Tage draußen Leben. Ihrer Ära als Tierärztin ließ die Mutter eines Sohnes hinter sich, weil sie zurück zu dem wollte, was Tier und Mensch wirklich entspricht. Zu einer Tierhaltung, die weiter geht als Bio-Standards, die sich natürlich einfügt in den Kreislauf der Natur. Einer Haltung, die der Landschaft gut tut und den Tieren ein nahezu perfektes Leben beschert. Die Blauzungenkrankheit* hat indes auch ihren Tieren zugesetzt. „Als Tierärztin brauchen mich meine Schafe sonst eher selten. Weil sie zumeist kerngesund sind. Sie gehören hierher in dieses Klima, in diese Landschaft. Sie sind seit der Bronzezeit perfekt angepasst an die Natur und tipptopp ernährt. Schon die Wikinger hielten die Rasse, nahmen sie mit auf ihre Raubzüge - als Proviant und Materiallieferant.“

*Die Blauzungenkrankheit ist für Schafe und Rinder in ganz Europa ein Problem. Sie wird durch eine Mückenart, die sogenannten Gnitzen, übertragen. Die infizierten Säugetiere leiden im Krankheitsverlauf an Fieber, Atemproblemen, Schwellungen - gerade im Maulbereich - was zu Schwierigkeiten bei der Futteraufnahme führt. 30 Prozent der erkrankten Tiere sterben. Es gibt eine Impfung. Das Virus ist nicht von einem erkrankten Tier zum nächsten übertragbar. Für Menschen ist die Erkrankung ungefährlich.

  • Allein zum Wattwurm hat Werner unzählige unterhaltsame und faktenreiche Geschichten auf Lager.

Der Sylter Auftrag ist für Uta Wree ein wichtiges Standbein. Ausgeschrieben wird die Schafbeweidung auf der Insel alle paar Jahre - und zwar europaweit. Die zu erbringende Leistung, die genauen Weidetage und täglichen Weidestunden in den Schutzgebieten sind vertraglich fixiert. Zuständig für insulare Naturschutzmaßnahmen, oft auch für deren Finanzierung und Durchführung, ist auf der Insel der Landschaftszweckverband Sylt (LZV). Der LZV finanziert das Wanderschafprojekt mit 57 Prozent - das Land übernimmt den „Rest“. Das Resultat der langjährigen Beweidungsmaßnahmen wird einhellig als „exzellent“ bewertet.

Als Tierärztin brauchen mich meine Schafe sonst eher selten. Weil sie zumeist kerngesund sind.
Uta Wree
  • Am Rande der Dreharbeiten für die internationale Reiseserie "The Reluctant Traveler": Fjordlandschaf Kai-Uwe und Emmy-Preisträger Eugène Levy.

Unbedingt beachten:

Regeln!

  • Spaziergänger:innen mit und ohne Hund sollten immer Abstand zur Herde halten, um die Schafe nicht unnötig zu stressen. Übrigens: Das gilt auch, wenn Hunde ordnungsgemäß angeleint sind!

  • Hunde und deren Hinterlassenschaften sind auf Sylt Risikofaktor No.1 für die Schafe auf Deichen, im Listland und auf Wanderschaft. Die Leinenpflicht gilt auf Sylt generell ab Mitte März überall - auch auf der großen Hunde-Freilauffläche am Flughafen. Wegen der brütenden Vögel in diesem Flora-Fauna-Habitat-Schutzgebiet (FFH) sind Hunde auch hier bis Mitte Juli unbedingt zu sichern. Wenn die Wanderschafe auf dieser Fläche zu Gast sind, müssen Bellos und Lumpis natürlich auch im August, September oder Oktober an die Leine. Überall sonst auf der Insel gilt die Leinenpflicht bis 31. Oktober. 

  • Gefahr! Hundekot kann für Schafe lebensbedrohlich werden: Gerade durch unsachgemäßes Füttern mit Rohfleisch (BARF) und mangelndes Entwurmen sind immer mehr Hunde mit Bandwürmern infiziert und scheiden die Eier mit dem Kot aus. So wird der kontaminierte Boden von grasenden Schafen aufgenommen. Die Eier können die inneren Organen des Schafs schwer schädigen. Uta Wree kann von Tieren berichten, die mit literweise Wasser in der Lunge an den Folgen dieser Übertragung verendet sind.
     

  • Die Sylter Magerböden schenken seltenen Tier- und Pflanzenarten einen einzigartigen Lebensraum. Die Hinterlassenschaften von Hunden stellen einen erheblichen Nährstoffeintrag in die Böden dar. Ihre Entsorgung (am besten in Schietbüddeln der vergänglichen Art!) sind in der freien Natur also noch essentieller als auf Gehwegen und in Vorgärten. Unbegreiflich, aber immer noch gängige Praxis: Die Beutel zu befüllen und dann liegen zu lassen. Der LZV hat auf der großen „Hundewiese“ nochmal Extra-Info-Schilder, Mülleimer und Beutel-Spender aufgestellt.

  • Unbedingt! Sylt ist eine Paradies für Mensch mit Vierbeinern. Wenn alle sich an die Regeln halten. Mehr Infos zum Urlaub mit Hund

  • Auch die FFH-Fläche zwischen Wenningstedt, Braderup und Tinnum, bekannt als „Hundewiese“, steht unter Naturschutz. Trotzdem dürfen Hunde hier im Rahmen eines langjährigen Pilotprojekts frei laufen. Außer wenn die Wanderschafe zu Gast sind und in der Brutzeit zwischen Mitte März und Mitte Juli. Für das sensible Zusammenspiel braucht es Infos zur einzigartigen Flora und Fauna - fürs bessere Naturverständnis!

Eigentlich alles selbstverständlich, oder? „Manchmal sind Hundehalter, gerade auch die einheimischen, extrem uneinsichtig. Es kommt immer wieder zu unangenehmen Diskussionen - in Einzelfällen mussten wir sogar Ordnungsamt und Polizei einschalten“, weiß die Geschäftsführerin der Naturschutzgemeinschaft, die über das Sommerhalbjahr auch die Ansprechpartnerin für die Bedürfnisse und Sorgen der Wanderschäferin ist. Lämmer und erwachsene Schafe, die von Hunden ins Watt gejagt, angegriffen oder getötet wurden, sind auf Sylt ein reales, wiederkehrendes Szenario. 30 bis 40 Angriffe von Hunden auf ihre 850 Tiere verzeichnet allein Daniela Andersen von „Sheep of Sylt“ jährlich - davon immer wieder Attacken mit Todesfolge. 

© Katrin Lehr

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Daniela Andersen

ZWISCHEN KNOCHENARBEIT & KREATIVITÄT

Als sich Daniela Andersen nach der Schule dafür entschied, Industriekauffrau zu werden, stand es zunächst gewiss nicht auf ihrem Vision-Board irgendwann einen Bio-zertifizierten Landschaftsbetrieb mit der größten Sylter Schafherde von 850 Muttertieren, mit Angusrindern und Hühnern zu managen.* Aber die junge Frau, in Kiel und Lübeck aufgewachsen, „verguckte“ sich in Jan-Uwe aus Keitum. „Eigentlich wollte die Familie Andersen die Landwirtschaft aufgeben. Aber wir haben dann neue Pläne geschmiedet“, erzählt die fröhliche Frau, Mutter von zwei Söhnen und viel beschäftigte Bäuerin. 

Volle Energie und unternehmerische Kreativität für das Label „Sheep of Sylt“ hieß die Entscheidung der dritten Generation. Die jungen Bauern vermarkten heute auf ihrer Webseite und in einem kleinen Hofladen Produkte aus Filz und Wolle, informieren über Schafpatenschaften und über die Möglichkeiten, als Schulklasse, als Incentive-Event oder auch als Kindergeburtstags-Ausflug - spannende Einblicke in die moderne Bio-Landwirtschaft zu bekommen. 

  • Bildunterschrift

Daniela ist nämlich - zu allem anderen - seit einiger Zeit auch noch zertifizierte Bauernhofpädagogin. „Als Vollzeitbetrieb musst du dich breit aufstellen, damit man als Familie leben kann. Wir wirtschaften nach dem Baukastenprinzip - und das funktioniert“, versichert die Landwirtin.

Mehrmals täglich fährt sie mit ihrem Mann in die Braderuper Wiesen, wo ihre 850 Muttertiere gerade noch auf der Winterweide stehen, versorgen ihre Tiere, schauen nach Auffälligkeiten, pflegen die Klauen. Zum Scheren kommen die Schafe einmal im Jahr rein und ein Coiffeur-Team reist an. „Das ist Knochenarbeit. Wir haben vier bis fünf Tonnen Wolle. Für uns selbst verarbeiten wird zurzeit nur einen Bruchteil - vor allem in Filzprodukte und Düngepellets. Gewaschen wird Wolle vor allem in Portugal, Polen und Belgien. Der Transport ist wegen der Auflagen kaum möglich. Meine Strick- und Heilwolle beziehe ich von einem Bio-Betrieb bei Niebüll“, erzählt Daniela. Allein um in diesem Thema einen profunden Einblick zu bekommen, lohnt sich ein Besuch auf Hof Höst in Keitum. 

© Holger Widera | Sylt Marketing
  • Bildunterschrift

Als Vollzeitbetrieb musst du dich breit aufstellen, damit man als Familie leben kann.

Bald zieht die große Herde um von der Braderuper Winterweide auf den Deich. Denn da werden sie über den Sommer durch Abfressen des Grases und festes Auftreten („Goldener Tritt“) dafür sorgen, dass die die Grasnarbe dicht und der Deich stabil bleibt. Diesen Sommer verrichten allerdings nur erwachsene Schafe diesen Dienst und eine wichtige Einnahmequelle der Andersens, der Verkauf von Hunderten herangewachsenen Lämmern, bleibe aus. Denn: Im Herbst 2025 wurden die Mutterschafe der Andersens bewusst nicht von den Böcken gedeckt. Der Grund: „Unsere neuen Ställe sind wegen baulicher Widrigkeiten noch nicht fertig. Wir werden daher dieses Jahr nur 20 Lämmer haben - und das auch nur, weil einer unserer Böcke ausgebüxt war“, erzählt Daniela Andersen und hofft, dass im nächsten Jahr über 1000 Schafe im neuen, warmen Stall geboren werden können.

* Neben den Andersens und Diedrichsens in List besitzt der Keitumer Gänsehof noch eine Schafherde, dazu kommen noch einige Miniherden von Liebhabern und im Sommerhalbjahr die 500 Fjordlandschafe von Uta Wree.

Der jüngste TV-Beitrag über die Andersens:

© Foto Oliver Franke

Der Wolf (im Schafspelz)

und die Sylter Lammzeit

Der Boss der Schafpopulation des Listlandes hat in den letzten 2,5 Jahrzehnten so einiges erlebt: mit jagenden Hunden, uneinsichtigen Menschen, 2024 mit dem Blauzungenvirus, mit einem Goldschakal im Frühsommer 2025. Er hat viele Stürme und Presseanfragen bewältigt und lässt bis heute Kindergarten- und Schulkinder in der Lammzeit auf der „Geburtsstation“ gegenüber seines Zuhauses am Wunder der Geburt teilhaben. Der Gag, dass er, der Mann mit dem Nachnamen Wolf (-Diedrichsen), Herr über aktuell 180 Mutterschafe, 15 Böcke und bald über 310 Lämmer ist, wurde zum Glück noch nicht so oft bemüht. Darum leihen wir das märchenhafte Bild mal für die Überschrift zu diesem Interview aus, das der „Wolf im Schafspelz“ uns netterweise mitten in der Lammzeit gewährte.

Jürgen Wolf-Diedrichsen

IM INTERVIEW

Wenn du alle Jahre sechs Wochen lang als männliche Hebamme dafür sorgst, dass Hunderte von Schafbabys möglichst gesund und munter auf diese Welt kommen, herrscht in deinem Leben, dem deiner Familie und deines Teams Ausnahmezustand. Wieso kannst du eigentlich fast auf den Tag genau sagen, wann die wilde Lammzeit anfängt und dass sie zwischen dem 5. und 10. Mai vorbei ist?

Jürgen Wolf-Diedrichsen: Normalerweise sagt man von Hausschafen, sie hätten eine Tragzeit von 150 Tagen, plus-minus zwei Tage. Da wir jedes Jahr aufs Neue durch Beobachtung dazulernen, fiel uns irgendwann auf, dass unsere Schafe schon nach 144 Tagen lammen. Und weil wir genau wissen, wann wir die Böcke zu den Schafen lassen und auch wieder separieren, ist die Dauer der Lammzeit bei uns sehr gut kalkulierbar. 

  • Lektüre im Sonnenschein vor der „Lister Geburtsstation“ ist für Jürgen Wolf-Diedrichsen in der Lammzeit der pure Luxus und der Moment um Kraft zu tanken. Auf dem Foto rechts oben der Namensvetter: der vierbeinige Wolf, der für die Lister Schafe zu einer großen Bedrohung werden würde, wenn er den Weg auf die Insel schafft.

Wer hilft Dir - auch mit den Flaschenlämmchen, die von ihren Müttern nicht angenommen werden?
Jürgen Wolf-Diedrichsen: Wir arbeiten in drei Teams. Sodass fast immer jemand präsent ist - auch nachts. Im Normalfall brauchen die Schafe bei der Geburt selbst wenig Unterstützung. Aber wir können im Ernstfall helfen. Alle Neugeborenen und ihre Mütter holen wir dann sofort rein in die Scheune für die ersten Tage und ein gutes Bonding. Bis letztes Jahr kam sogar mein Vater aus Bayern mit über 80 Jahren noch zum Helfen. Oft haben wir auch Unterstützung aus dem Dorf. Meine Frau Maren, meine Söhne Boy-Ole und Cornelis gehören mit zum unmittelbaren Hebammen-Team.

Sind Eure Schafe, die in völliger Freiheit das ganze Jahr über in weiten Teilen des Listlands und auf dem Ellenbogen unterwegs sind, eine bestimmte Züchtung?
Jürgen Wolf Diedrichsen: Die Unterschiede unserer Tiere zu anderen Hausschafen sind nicht riesig, aber Schafexperten im Norden sagen, sie würden die Listlandschafe erkennen.

Kannst du alle deine 180 Mutterschafe auseinanderhalten?
Jürgen Wolf-Diedrichsen: Es gibt immer besondere Schaf-Persönlichkeiten, die kennt man natürlich. Aber - so unromantisch das ist - ich habe nicht zu allen eine individuelle Beziehung.

  • Besucher:innen auf der Lister Säuglings-Station bekommen alle wichtigen Fragen sofort beantwortet!

Ich mag es auch, wenn die Kindergarten- und Schulkinder kommen und staunend zum ersten Mal eine Geburt erleben dürfen.

Sind deine Schafe eigentlich schlau?
Jürgen Wolf-Diedrichsen: Ich würde sagen, unsere Schafe sind empfindsam und partiell ganz schön schlau. Sie überraschen mich jedenfalls immer wieder mit kuriosen Moves.

Haben Mond und Gezeiten bei weiblichen Schafen eine Auswirkung auf den Geburtsrhythmus - so wie man es auch den Frauen an der Küste nachsagt?
Jürgen Wolf Diedrichsen: Auf jeden Fall. Bei auflaufend Wasser werden mehr Tiere geboren - da bin ich mir ziemlich sicher.

Kurze Nächte, lange Tage, schnelle Entscheidungen - die Lammzeit ist bestimmt körperlich und manchmal auch seelisch eine aufreibende Zeit. Was fühlst Du so, wenn Du kurz vor der Lammzeit stehst?
Jürgen Wolf-Diedrichsen: Ich freue mich drauf - es ist doch eine wunderbare Aufgabe, dabei zu helfen, anderen Wesen einen angenehmen Start zu ermöglichen. Ich mag es auch, wenn die Kindergarten- und Schulkinder kommen und staunend zum ersten Mal eine Geburt erleben dürfen.

Du bist inzwischen friesischer als manch anderer Sylter Ureinwohner. Nur dein bayrisches R verrät dich. Du hast mit der Familie Diedrichsen in eine der wenigen Lister Ursprungsfamilien eingeheiratet. Seit Jahrhunderten ist die Schafzucht bei den Diedrichsens ein wichtiges Standbein. Familienoberhaupt Niels ist mit 94 Jahren im Dezember verstorben. Zeichnet sich bei Euch jetzt sowas wie eine Nachfolge ab?
Jürgen Wolf-Diedrichsen: Es sieht ganz so aus, als würde unser Sohn Boy-Ole, er ist jetzt 24, die Schafzucht übernehmen. Das ist eine große Freude.

Zu schnell fahrende Autos auf den Straßen des Listlandes, das Blauzungenvirus* vor zwei Jahren und der Goldschakal* letztes Jahr, freilaufende Hunde, - das waren und sind große Gefahren für Deine Tiere. Was sorgt dich aktuell?
Jürgen Wolf-Diedrichsen: Ich befürchte, dass es nur eine Frage der Zeit ist, dass nach dem Goldschakal auch Wölfe die Insel als mögliches Revier auskundschaften. Die acht Kilometer Bahndamm sind für die Tiere leicht zu überwinden. Für unsere freilebenden Schafe ist das eine Riesenbedrohung - wir haben ja mit dem Goldschakal erlebt, was passiert.

Da es auch unter Menschen Schwarze Schafe gibt und etliche Besucher:innen von Ellenbogen und Listland sich nicht an Regeln halten, hatte die Listland-Eigentümergemeinschaft die letzten zwei Jahren eine Rangerin engagiert. Ist das auch in diesem Jahr eine Option?
Jürgen Wolf-Diedrichsen: Wir haben da sehr gut Erfahrungen gemacht und werden wohl für den Sommer wieder jemanden einstellen.

 

*Der Besuch des Goldschakals 2025
Junge Goldschakal-Männchen legen auf der Suche nach einem eigenen Revier unzählige Kilometer zurück. Auf Sylt kam ein Jungtier im Mai, wahrscheinlich zu Fuß über den Deich an und riss in der Inselmitte und im Norden insgesamt fast 100 Schafe und Lämmer. Nach einigem Hin- und Her wurde Mitte Juni die zuvor erteilte Abschussgenehmigung wieder zurückgezogen. Das Tier wurde danach nicht mehr gesichtet.

LEBENSWERT SYLT

Subheadline

Lebenswert Sylt ist eine noch junge Sylter Bewegung, die sich als insulares Netzwerk für eine nachhaltige und zukunftsfähige Entwicklung der Insel einsetzt. „Lebenswert Sylt“ orientiert sich an den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen. Wer Partner von „Lebenswert Sylt“ werden möchte, kann sich darum bewerben. Einer der bereits zertifizierten Betriebe ist die „Sylter Dünenwolle“ - eine Manufaktur, die die Wolle der nördlichsten Schafe Deutschlands in kostbare Decken und Kopfkissen verwandelt.

Määähhh gegen müde!

Die Kolumne von Imke Wein

Lächelnde Frau mit Mütze steht in den Dünen.
© Ben Kliewer
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Kennt ihr diesen Zustand, wenn man sich so hundsmiserabelfrühlingsmüde fühlt, dass man zur Erbauung gar nichts mehr auf die Reihe bekommt - eigentlich noch nichtmal einen Spaziergang, am Wasser, geschweige denn Sport oder Geselligkeit oder sowas? Sofa geht. Sonst nix.

„Raff’ Dich auf, setze dem inneren Schweinehund Bewegung entgegen, das hilft sofort und garantiert“ - predigt der innere Coach. Ohne zum Kern der Ermattung durchzudringen allerdings.

Bei meiner Lieblingsserie „Grey’s Anatomy“ sind die völlig überarbeiteten jungen Ärztinnen und Ärzte als letzte Rettung immer auf die Geburtsstation ihres Hospitals gegangen und haben durch die Glasscheibe Neugeborene angestarrt. Auf Sylt haben wir leider (aus vielen Gründen blöd!) schon seit Jahren keine Geburtsstation mehr. Und selbst wenn, in good old Germany wird seit den 80er Jahren Rooming-in praktiziert. Neugeborene sind bei ihren Mamis. Zum Glück. Basta! Keine Chance also auf Baby-Watching.Da muss man Alternativen suchen. In List an der Diedrichsen-Scheune habe ich sie gefunden und einfach mal eine 15-minutige Lämmer-Meditation im Openair-Babyzimmer eingelegt. Es gab zwar einen Niedlichkeitsschock, aber die Frühlingsmüdigkeit, die ist auch passé. Das große Määäähhh - interessant für die Nase, gut für Ohren, sensationell für die Augen und für die Seele sowieso.

  • Beschreibung

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