Sind deine Schafe eigentlich schlau?
Jürgen Wolf-Diedrichsen: Ich würde sagen, unsere Schafe sind empfindsam und partiell ganz schön schlau. Sie überraschen mich jedenfalls immer wieder mit kuriosen Moves.
Haben Mond und Gezeiten bei weiblichen Schafen eine Auswirkung auf den Geburtsrhythmus - so wie man es auch den Frauen an der Küste nachsagt?
Jürgen Wolf Diedrichsen: Auf jeden Fall. Bei auflaufend Wasser werden mehr Tiere geboren - da bin ich mir ziemlich sicher.
Kurze Nächte, lange Tage, schnelle Entscheidungen - die Lammzeit ist bestimmt körperlich und manchmal auch seelisch eine aufreibende Zeit. Was fühlst Du so, wenn Du kurz vor der Lammzeit stehst?
Jürgen Wolf-Diedrichsen: Ich freue mich drauf - es ist doch eine wunderbare Aufgabe, dabei zu helfen, anderen Wesen einen angenehmen Start zu ermöglichen. Ich mag es auch, wenn die Kindergarten- und Schulkinder kommen und staunend zum ersten Mal eine Geburt erleben dürfen.
Du bist inzwischen friesischer als manch anderer Sylter Ureinwohner. Nur dein bayrisches R verrät dich. Du hast mit der Familie Diedrichsen in eine der wenigen Lister Ursprungsfamilien eingeheiratet. Seit Jahrhunderten ist die Schafzucht bei den Diedrichsens ein wichtiges Standbein. Familienoberhaupt Niels ist mit 94 Jahren im Dezember verstorben. Zeichnet sich bei Euch jetzt sowas wie eine Nachfolge ab?
Jürgen Wolf-Diedrichsen: Es sieht ganz so aus, als würde unser Sohn Boy-Ole, er ist jetzt 24, die Schafzucht übernehmen. Das ist eine große Freude.
Zu schnell fahrende Autos auf den Straßen des Listlandes, das Blauzungenvirus* vor zwei Jahren und der Goldschakal* letztes Jahr, freilaufende Hunde, - das waren und sind große Gefahren für Deine Tiere. Was sorgt dich aktuell?
Jürgen Wolf-Diedrichsen: Ich befürchte, dass es nur eine Frage der Zeit ist, dass nach dem Goldschakal auch Wölfe die Insel als mögliches Revier auskundschaften. Die acht Kilometer Bahndamm sind für die Tiere leicht zu überwinden. Für unsere freilebenden Schafe ist das eine Riesenbedrohung - wir haben ja mit dem Goldschakal erlebt, was passiert.
Da es auch unter Menschen Schwarze Schafe gibt und etliche Besucher:innen von Ellenbogen und Listland sich nicht an Regeln halten, hatte die Listland-Eigentümergemeinschaft die letzten zwei Jahren eine Rangerin engagiert. Ist das auch in diesem Jahr eine Option?
Jürgen Wolf-Diedrichsen: Wir haben da sehr gut Erfahrungen gemacht und werden wohl für den Sommer wieder jemanden einstellen.
*Der Besuch des Goldschakals 2025
Junge Goldschakal-Männchen legen auf der Suche nach einem eigenen Revier unzählige Kilometer zurück. Auf Sylt kam ein Jungtier im Mai, wahrscheinlich zu Fuß über den Deich an und riss in der Inselmitte und im Norden insgesamt fast 100 Schafe und Lämmer. Nach einigem Hin- und Her wurde Mitte Juni die zuvor erteilte Abschussgenehmigung wieder zurückgezogen. Das Tier wurde danach nicht mehr gesichtet.