Zwischen Gut und Böse
Bestsellerautorin Dora Heldt über ihren neusten Sylt-Krimi
Dora Heldt im Interview
Zwischen Gut und Böse
Bestsellerautorin Dora Heldt über ihren neusten Sylt-Krimi
Seit zwei Jahrzehnten begeistert Bärbel Schmidt alias Dora Heldt ihre Leser:innen mit humorvollen und spannenden Romanen. Mit ihrem neuen Buch „Zwischen Gut und Böse“ kehrt sie literarisch einmal mehr nach Sylt zurück, einem Schauplatz, der weder aus ihren Werken noch aus ihrem Leben wegzudenken ist. Im Gespräch erzählt die erfolgreiche Bestsellerautorin, Podcasterin und gebürtige Sylterin von ihrem Schreibprozess, liebgewonnenen Figuren und davon, warum gerade in diesen wilden Zeiten Geschichten mit Herz und Unterhaltung so wichtig sind.
Frau Heldt, Sie feiern in diesem Jahr Ihr 20-jähriges Buch-Jubiläum, stimmt das? Und dann auch noch mit einem neuen Sylt-Krimi. Das wirkt wie ein Geschenk an die Insel. Herzlichen Glückwunsch!
Vielen Dank! Ehrlich gesagt wusste ich das selbst gar nicht. Meine Lektorin oder jemand aus dem Marketingteam des Verlags hat mich darauf aufmerksam gemacht: Zwanzig Jahre Romane und inzwischen auch schon zehn Jahre Krimi. Anlässlich des Buches machen wir ein kleines Presse-Event im Hamburger Hafen-Club. Anschließend wird natürlich auch noch ein bisschen gefeiert.
Feiern Sie sich auch selbst, wenn Sie ein Buch fertig geschrieben haben?
Wenn ich den letzten Satz geschrieben habe, ist ja noch lange nicht alles erledigt. Dann kommen noch Überarbeitung, Lektorat und viele andere Schritte. Und wenn das alles abgeschlossen ist, fühle ich zunächst oft eine gewisse Traurigkeit: Die Geschichte ist vorbei. Kurz danach kommt dann aber der Gedanke: „Gott sei Dank ist es fertig und was machst du jetzt?“
Wie verlief der Schreibprozess bei Ihrem neuesten Roman „Zwischen Gut und Böse“? Arbeiten Sie eher intuitiv oder planen Sie die Geschichte vorher?
Beim Krimi funktioniert das anders als bei meinen Frauenromanen. Denn man braucht einen konkreten Fall, ich muss also vorarbeiten und das Ende wissen. Ebenso, wann was entdeckt wird. Ich musste das Handwerk und eine andere Arbeitsweise lernen. Bei den Krimis gibt es Erzählstränge und ich plane jedes Kapitel vor. Mein Bruder unterstützt mich dabei mit seinem strategischen Denken und das ist mittlerweile die perfekte Art für mich zu arbeiten.
Ist das wirklich Sönnigsens allerletzter Fall?
Ich wurde oft gefragt, wann der nächste Sönnigsen-Teil kommt. „Zwischen Gut und Böse“ ist der dritte Teil der Krimi-Serie und der letzte. Denn es braucht immer einen guten Fall und einen Grund, warum jemand eine Soko gründet. Da fehlt mir ein bisschen die blutige Fantasie für weitere Teile.
Ich schreibe sehr gerne auf Sylt. Hier werde ich automatisch langsamer, im Kopf fahre ich ungefähr 30 km/h weniger. Das hilft beim Schreiben.
Zwischen Wirklichkeit und Fiktion:
Wie Dora Heldt ihre Figuren erschafft
Könnte man als neue:r Leser:in beim letzten Teil einsteigen? Und ist die Geschichte rund um Hauptprotagonist Karl Sönnigsen rein fiktiv oder stecken auch reale Vorbilder hinter den Figuren?
Ja, man kann quer einsteigen. Ich schreibe über Sylt, weil ich die Insel kenne und es mir wichtig ist, keine Fehler zu machen. Ich habe zum Beispiel auch vor Ort genau geschaut, in welcher Kurve am Ellenbogen man dieses Schaf umbringen kann. Karl glaubt, dass es die „Rich Kids“ waren, so beginnt der Fall. Die Protagonisten, so auch Karl Sönnigsen, sind eine Mischung aus verschiedenen Männern, die ich aus meinem Umfeld kenne: Freunde meiner Eltern, Verwandte oder Bekannte. Das ist dieser typische Männertyp: Sie haben ihr Leben gelebt, haben zu allem eine Meinung und sind überzeugt, dass alles tippi toppi laufen würde, wenn man sie nur machen ließe. Ich mag diese Mischung aus Altersarroganz und Witz, den sie dabeihaben, sehr. Das waren richtige Klugscheißer, die aber auch viel wussten.
Woher kommen Ihre Ideen – eher aus dem Alltag oder aus eigenen Erlebnissen?
Ich bin jeden Monat auf Sylt und besuche meine Mutter, somit bekomme ich viel vom Insel-Geschehen mit. Ihr Geburtstag fällt oftmals in den Pfingst-Zeitraum, deswegen fiel mir das Feier-Verhalten der „Rich Kids“ auf. Und da stelle ich mir dann die Frage: Was würde Karl Sönnigsen als ehemaliger Polizeichef wohl darüber denken, wie sie sich benehmen? Und so kommen dann die Ideen. Erlebnisse und Begegnungen aus meinem Inselleben finden Platz in meinen Büchern. Kürzlich traf ich wieder einen besonderen Sylt-Gast: der Breitbeinige, der sich gerne reden hört und erzählt, was für ein toller Hecht er ist. So jemand wird dann zur richtigen Zeit literarisch verbraten.
Sie haben inzwischen viele Bestseller geschrieben und sind sehr erfolgreich in Ihrem Tun. Erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie dachten: Das könnte wirklich funktionieren mit dem Schreiben?
Das hat tatsächlich lange gedauert. Ich habe zehn Jahre parallel in zwei Berufen gearbeitet und erst aufgehört, als alles schon verfilmt war. Ich war im Außendienst für den dtv Verlag unterwegs und habe in meiner freien Zeit geschrieben. Das Pseudonym Dora Heldt, das ist der Name meiner Großmutter, habe ich bewusst gewählt, da ich als Bärbel Schmidt bereits in der Verlagswelt bekannt war. Ich wollte eine faire Chance und nicht hören müssen, bevorzugt worden zu sein. Nur etwa fünf Prozent der Autorinnen und Autoren in Deutschland können wirklich vom Schreiben leben, man braucht eine sehr hohe Auflage und es kommt auf die Verträge an. Ich rate dem Nachwuchs deshalb immer: Nicht sofort alles auf eine Karte setzen. Es ist wichtig, dass man zwei Sachen in petto hat, die funktionieren. Bei mir kam dann zum Schreiben noch der Podcast dazu, worüber ich sehr froh war.
Vom Berufsalltag zur Bestsellerautorin: Ein Leben mit Büchern
Was hat sich seit Ihrem Durchbruch als Autorin am meisten verändert?
Vor allem die Freiheit. Ich kann mir heute aussuchen, welche Projekte ich mache und muss niemandem mehr etwas beweisen. Ich könnte morgen aufhören und auch mal ein schlechtes Buch schreiben. Früher war mein Alltag mit mehr Terminen und Stress verbunden. Heute habe ich mehr Routine und Gelassenheit. Das ist ein großer Luxus.
Sie konnten schon mit sieben Jahren lesen und waren mit acht in der Bücherei angemeldet. Welche Rolle spielt Lesen heute noch für Sie?
Lesen spielt immer noch eine große Rolle. Ich lese ständig Bücher – auch für meinen Podcast „Dora Heldt trifft“, der vierzehntägig erscheint. Dafür muss ich mich auf den Gast vorbereiten und auch Literatur-Tipps geben. Die Verlage schicken uns Bücher zu, dadurch bekomme ich viel mit und lese viel, das macht irre Spaß. Im Grunde habe ich mein ganzes Leben mit Büchern verbracht: erst als Buchhändlerin, dann als Verlagsvertreterin und schließlich als Autorin und Podcasterin. Im Nachhinein ist das ein großes Glück, denn das Schreiben, Lesen und Reden war schon immer meins. Mein Bruder konnte alles, ich konnte nur etwas mit Büchern und habe mich für andere Sachen gar nicht interessiert.
Gibt es eine Figur aus Ihren Büchern, die Ihnen besonders ans Herz gewachsen ist?
Das ist schwer. Ich mag die Johanne Johannsen sehr gerne. Sie ist Mitte 60 und übernimmt in einem Roman die Barkassenreederei ihrer Großeltern, obwohl die immer der Meinung waren, Frauen gehören nicht auf die Brücke. Als ihr Cousin das Ding vor die Wand fährt, muss sie einspringen. Sie ist groß, hat graue Haare, ist pragmatisch, sagt, wenn ihr was nicht passt und wirkt etwas bollerig. In dem Buch wird sie weich, das mag ich. Aber auch meine Rentner Gangs, wie in meinem neuen Roman oder Ernst Mannsen in „Liebe oder Eierlikör“.
Gab es auch Zeiten, in denen Sie das Schreiben am liebsten aufgegeben hätten?
Die erlebe ich bei jedem Buch. Manchmal sitze ich tagelang vor dem Computer und bekomme kein Wort vor das andere. Dann denkt man, was ein Scheiß: „Ich kann das nicht mehr, ich bin ausgeschrieben. Ich löse den Vertrag auf und gebe das Geld zurück.“ Und am nächsten Tag schreibt man plötzlich einen Text und denkt: „Wow, das ist richtig gut.“ Dieser Prozess wiederholt sich bei jedem Buch. Manchmal hat man viele Sachen im Kopf, aber für das Schreiben braucht man eine gewisse Leichtigkeit. Was ich immer wieder beobachte: In der Mitte eines jeden Buches sind meine Schränke aufgeräumt.
Ihr bürgerlicher Name ist Bärbel Schmidt. Würde Bärbel Schmidt auch einen Sylt-Roman schreiben?
Nein – Bärbel Schmidt liest gerne Sylt-Romane, Dora Heldt schreibt sie.
Die Insel Sylt als Inspirationsquelle
Schreiben Sie auch auf Sylt? Und abgesehen vom Ellenbogen, was lieben Sie noch an der Insel?
Ich schreibe sehr gerne auf Sylt. Hier werde ich automatisch langsamer, im Kopf fahre ich ungefähr 30 km/h weniger. Das hilft beim Schreiben. Liegt vielleicht am Wasser, am Strand. Hier in Hamburg sind tausend Leute. Auf der Insel fängt mein Hirn selbständig an weiterzuarbeiten. Ich schreibe lieber auf Sylt.
Ich liebe die Braderuper Heide, das Rantumbecken und ich freue mich sehr, dass die Badezeit wieder geöffnet hat. Ich liebe die Westseite zwischen Kampen und List, die Buhne 16. Mein liebster Platz ist die Strandsauna in List, am liebsten möchte ich das nicht erzählen, sonst fährt da die ganze Welt hin.
Warum sehnen sich Menschen Ihrer Meinung nach heute besonders nach humorvollen und warmherzigen Geschichten wie in Ihren Büchern?
Weil die Welt so durchgeknallt ist. Wir haben noch nie in solchen Zeiten gelebt, wie jetzt. Die Pandemie hat viel verändert, glaube ich. Viele Menschen sind verunsichert. In solchen Zeiten tut es gut, ein paar Tage über einen Rentner-Dialog zu lachen und sich nicht den Kopf zerbrechen zu müssen, wie der Herbst aussieht. Es ist wichtig, dass man sich Inseln schafft und auch mit anderen Dingen beschäftigt, damit man seinen Widerstand behält.
Und zum Schluss: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Insel Sylt?
Ich wünsche mir, dass man sich mehr Gedanken darüber macht, wie sich die Insel entwickelt und man mit einem Überblick draufschaut. Immer mehr Ferienwohnungen entstehen, Sylt ist begrenzt, aber die Leute hören nicht auf zu bauen. Ich kenne Sylt seit meiner Geburt und mache mir wirklich Gedanken. Ich hoffe, dass jemand klug wird und rechtzeitig darüber nachgedacht wird, wie man die Insel lebenswert erhält. Es würde mich auch freuen, wenn die Leute besseres Benehmen hätten, wenn es weniger Gemecker gäbe und die Hundekackbeutel ordentlich benutzt und entsorgt würden. Wer seinen Beutel vor meinen Augen in die Sylter Heckenrosen schmeißt, landet in meinem nächsten Buch.