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Sylter 
Landleben

Sylter Landleben Kurs Frühjahr

Sylter Winter bedeutet Entschleunigung. Auch für die Höfe der Insel?
Bleicke Andersen, Norman Diané und Jens Volquardsen, drei Landwirte der Insel, geben uns Einblicke ins Geschehen und in ihre wertvolle Arbeit.

Die Sylter Landschlachterei in Keitum

Bleicke Andersen - der Gallowayflüsterer in dritter Generation

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Text: Julia Petersen

Erfahrungsgemäß haben Sylter Landwirte am liebsten ihre Ruhe und wenig übrig für unnötige Sabbelei. Sie arbeiten draußen, konzentriert auf das, was zu tun ist, ohne viel Chichi – tief verbunden mit der Natur.

Wie eng auch Insulaner Bleicke Andersen mit der Sylter Landschaft verwoben ist, wird an jenem Mittwochnachmittag deutlich. Bei strahlendem Sonnenschein fährt er vom Hof der Sylter Landschlachterei in Keitum mit dem Traktor gen Westen zu einer schneebedeckten Wiese. Dort überwintert derzeit die Galloway-Herde der Familie Andersen, bis die überfluteten Salzwiesen wieder trocken genug sind. Ihnen verdankt die Herdbuchzucht auch ihren Namen: „Von Sylter Salzwiesen“, deren Wurzeln in Shankend Farm Cottage, Hawick, Roxburghshire im Südwesten Schottlands liegen.

Gemeinsam mit seinem Bruder Theide, der für den kulinarischen Part verantwortlich ist, und Vater Sönke Andersen, dem Initiator und überall Mitwirkenden, führt Bleicke den Familienbetrieb „Sylter Landschlachterei“ in dritter Generation. Mit Leidenschaft kümmern sich die Andersens um ihre Galloways mit dem dunkel gelockten, doppelschichtigen Fell. Das wasserabweisende Deckhaar mit isolierendem Unterhaar und ihr robuster Körperbau sorgen dafür, dass sie dem rauen Nordseeklima mühelos trotzen und ganzjährig draußen stehen können.

„Wir achten darauf, dass unsere Tiere trockenen Boden unter den Klauen haben und sich vor dem Wind schützen können“, erzählt Bleicke und krault dabei einer Mutterkuh liebevoll den Rücken. Sie genießt die Aufmerksamkeit sichtlich, ebenso wie die trockenen Brötchen, die er heute in einem blauen Sack mitgebracht hat. Inzwischen hat sich die gesamte Herde dicht um ihn versammelt. Doch von Angst oder Hektik keine Spur. Bleicke bleibt ruhig und geerdet. Er kennt seine Tiere genau und weiß, wie er sich zwischen ihnen bewegt.

Mindestens zweimal täglich schaut der Keitumer insbesondere bei eisigen Temperaturen nach ihnen, kloppt den zugefrorenen Wassertrog frei und versorgt die trächtigen Tiere mit Heu. Im Frühjahr erwarten sie ihre Kälber, ihre Bäuche sind bereits kugelrund. Dass die Kalbung unter freiem Himmel erfolgt, ist Teil der Zuchtphilosophie der Andersens. Sie sorgen dafür, dass die Galloways ein stressfreies und glückliches Leben führen und die Mutterkuhhaltung auf natürlichste Art erfolgt. Für die Familie ist das die Grundlage für Fleisch, hinter dem sie mit gutem Gewissen stehen kann.

Dass Bleicke eines Tages Vollzeit in den Familienbetrieb einsteigen würde, war ursprünglich nicht geplant. Als sich jedoch die Gelegenheit bot, tauschte er seinen klassischen Bürojob in Hamburg gegen das Leben auf dem Sylter Land. Heute ist der zweifache Vater unter anderem für administrative Aufgaben zuständig. Mit ihm als weiterer Stimme in der Geschäftsführung und mit seiner offenen Art hat sich der Betrieb strategisch weiterentwickelt. Was ihm besonders an der Arbeit mit den Tieren gefällt? 

„Das Schöne ist, dass man aus dem Alltag rauskommt. Man hat gar keine Möglichkeit, sich stressen zu lassen, sonst hat man verloren. Hier komme ich wunderbar zur Ruhe.“

Zwar ist das Wintergeschäft im Vergleich zum Sommer etwas runtergefahren, dennoch hat der Hofladen in der Bäderstraße 2 in Keitum montags bis samstags für dich geöffnet. Du bist gerade nicht auf Sylt? Dann lohnt sich ein Besuch im Onlineshop! 

© Julia Petersen
Im Sylter Winter kehrt Ruhe ein. Die Uhren ticken etwas langsamer, das Tempo wird rausgenommen und trotzdem nie der Fokus verloren.

Hansenhof Sylt in Morsum

Norman Diané-Hansen im Spagat zwischen Hühnerstall und Reeternte

© Julia Petersen

Lange musste er warten, heute kann Norman Diané-Hansen endlich mit dem Reetmähen beginnen. Der Sylter Winter hat es diesmal in sich: viel Schnee, viel Nässe und klirrende Eiseskälte. Doch heute sieht die Welt anders aus. Vor ein paar Tagen erst wurde beim traditionellen Biikefest, eine inselweite und über die Deiche hinaus beliebte Tradition, symbolisch der Winter vertrieben und dem Frühling in die Puschen geholfen. 

Unweit des Morsumer Biikeplatzes, im östlichsten Zipfel der Insel, umgeben von Naturschutzgebiet, Morsum Kliff und Bahndamm, mäht Norman nun bei göttlichem Wetter das Sylter Reet. Normalerweise kümmert er sich um die vielfältigen Arbeiten auf dem Hansenhof im Herzen des Dorfes. Als gelernter Elektriker und kreativer Handwerker unterstützt er seinen Onkel Andreas Hansen, wo er nur kann. Und zu tun gibt es immer etwas, ganz unabhängig von der Jahreszeit. Kein Wunder bei 2500 Hühnern, die täglich versorgt werden wollen. Im Stall läuft inzwischen vieles automatisch: Fütterung und Misten übernehmen Maschinen. Die Eier jedoch werden noch von Hand in Kartons sortiert. Bis etwa Mai bleiben die Tiere im großen Stall, um sie vor Krankheiten zu schützen, die durch Zugvögel eingeschleppt werden können. Spätestens dann dürfen die Damen wieder hinaus auf die 12.000 Quadratmeter große Fenne, wo sie scharren, picken und in der Sonne liegen können.

Auf dem Morsumer Hansenhof hat auch die Reetarbeit eine lange Tradition. Schon Normans Großvater mähte auf den familieneigenen Flächen rund um Nösse das Reet. Er gab sein Wissen an seinen Sohn Andreas weiter und dieser wiederum an seinen Neffen Norman, der seit 2019 in Vollzeit im Familienbetrieb mitarbeitet. Der Hof selbst wird seit 1910 in vierter Generation geführt. 

Heute beginnt Normans Arbeit draußen auf dem Feld. Reetmähen verlangt Geduld und die richtigen Bedingungen: Es darf nicht zu windig sein, nicht zu nass, kein Schnee darf liegen. Wo vor einer Woche noch ein weißes Winterwonderland herrschte, liegt endlich Frühling in der Luft. Mit Musik auf den Ohren übertönt Norman das Dröhnen des italienischen Mähers, den sein Onkel und Hansenhof-Chef Andreas gemeinsam mit seinem Kumpel Holger anschaffte, und zieht Bahn um Bahn durch das Feld. Die Maschine schneidet das Reet, bündelt es und wirft es zur Seite. Mit einem gezielten Tritt befördert er die Bündel aus der Fahrspur. Meistens ist er hier ungestört allein auf dem Feld, so hat er es am liebsten. Ohne Straßenlärm, ohne Menschen, mitten in der Natur. Lediglich ein paar Spazierende oder die Bahn hört er hier. Circa ein Hektar Fläche hat er vor sich. Was von außen nach viel aussieht, reicht am Ende kaum für das Dach eines ganzen Friesenhauses. Wie lange er dafür braucht? „Vielleicht bis Juli, je nachdem wie faul wir sind“, scherzt Norman und macht deutlich, wie zeitintensiv diese Arbeit ist.

Nach dem Mähen werden die Bündel gesäubert, gekämmt und eingelagert. Nach und nach finden sie ihren Platz auf dem eigenen Dach. Geld verdienen möchte die Familie damit nicht, das würde bei der Menge auch keinen Sinn machen, mittlerweile ist der Bedarf so groß, dass die Insel-Dächer ganz unromantisch mit Reet aus aller Welt gedeckt werden müssen und leider nicht mit dem, was die Natur vor der eigenen Haustür hergibt. Dem Hansenhof-Team geht hierbei ohnehin um etwas anderes: um den Erhalt eines familiären Handwerks, um Tradition und um ein Stück Sylter Geschichte.

Das Erdbeerparadies in Braderup

Jens Volquardsen: syltropisch x syntropisch

© Julia Petersen

Selten bekommt man Jens Volquardsen zu fassen, denn irgendetwas ist immer. Und obwohl er eine tiefe Ruhe ausstrahlt, ist er meist am Rödeln und Jonglieren zwischen Berufs- und Familienalltag. Am liebsten jedoch hockt er auf dem Feld – oder auf den surfbaren Wellen der Welt. Letztere sind im Sylter Winter allerdings sehr rar gesät. Selbst die Feldsalaternte fällt in diesen kühlen Monaten wesentlich üppiger aus. Also kanalisiert der Sylter Landwirt in zweiter Generation seine Energie in den ökologischen Familienbetrieb „Erdbeerparadies“ in Braderup. Alles, was vom Feld in den hofeigenen Laden kommt, ist bio. Seit 1989 erfüllt die Familie Volquardsen die strengen Richtlinien und richtet ihr gesamtes Hofleben danach aus. Mit ihrem selbst angebauten ökologischen Gemüse- und Obstangebot sind sie die einzigen auf Sylt. Jens’ Eltern, Bettina und Eckehard, starteten einst mit dem Anbau Sylter Erdbeeren und erweiterten ihre Produktpalette sowie ihr Know-how kontinuierlich.

Zwar spielt die köstliche Sylter Erdbeere, die im Frühsommer umgeben von salziger Nordseeluft zwischen Veilchen und Kamille heranwächst, heute nicht mehr die Hauptrolle. Doch sie ist nach wie vor stolze Namensgeberin des Betriebes und beansprucht weiterhin ihr eigenes Feld. Die Jungpflanzen sind bereits deutlich zu erkennen, und man kann erahnen, welche saftig-süße Pracht hier bald gedeihen wird.

„Wir haben unseren Betrieb aktuell etwas heruntergefahren, aber schon viel gepflanzt und gesät. Außerdem plane ich einige Projekte, um die Landwirtschaft in der Inselgemeinschaft zu unterstützen“, erzählt Jens, der sein Wissen rund um den Anbau stetig erweitert. Eines seiner Lieblingsthemen ist seit einiger Zeit die syntropische Landwirtschaft. Anders, als man vielleicht vermuten könnte, hat das nichts mit synthetischen Palmen zu tun. Vielmehr handelt es sich um ein maßgeblich von Ernst Götsch entwickeltes regeneratives Agroforstsystem, das natürliche Waldprozesse nachahmt, um Gemüse und andere Kulturen anzubauen. „Die Grundidee ist, dass sich Flächen durch Nutzung erholen“, erklärt Jens und schneidet in gebückter Haltung frischen Postelein, den er behutsam in einen grünen Korb legt. Wenig später wird er im Hofladen das Sortiment aus Möhren, Sauerteigbrot von Lund, Erdbeermarmelade und weiteren Produkten bereichern.

Gemeinsam mit seiner Schwester Rieke tritt er in die Fußstapfen seiner Eltern und bringt eigene Ideen in das Hofleben ein. Bettina ist nicht nur Landwirtin, sondern auch Organetikerin und Feldenkrais-Expertin. Schwiegertochter Katharina unterrichtet Yoga und Breathwork. Gemeinsam und doch jeder auf seine Weise verfolgen sie ein Ziel: Landwirtschaft im Einklang mit Natur, Gemeinschaft und Verantwortung weiterzudenken.

Auf dem Wochenmarkt sind die Volquardsens mit ihrem Stand derzeit nicht anzutreffen. Aber du bist herzlich willkommen, den Hofladen in Braderup zu besuchen und dort einzukaufen. Geöffnet hat dieser dienstags und freitags.