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…ja, das sind sie – die Männer und die eine Frau der Wenningstedt-Braderuper Feuerwehr von 1896.

Schnell, zuverlässig und hilfsbereit im umfänglichsten Sinne. Es ist kurz vor sieben an einem „üsseligen“ Novemberdienstag und sie stehen schon alle parat. Im großen Raum der Wache im Norderwung. Dort, wo sonst ein Löschfahrzeug parkt, wenn gerade kein Übungsabend ist. In der Haut des einen Nachzüglers möchte man nicht unbedingt stecken, er ist zwar noch voll „in time“, strübbt sich dann aber in Windeseile vor den Augen aller in die Dienstkluft und muss in der Zeit etliche süffisant-trockene Kommentare heldenhaft über sich ergehen lassen.

Wobei an diesem charmanten Einstiegsmoment gleich zwei Themen aufploppen:

Die 34 aktiven Kameradinnen und Kameraden der Wenningstedt-Braderuper Feuerwehr, die sich da für den Übungsabend bereit halten, sind echte Helden – nicht nur in der romantischen Wahrnehmung kleiner Jungs, sondern auch im wirklichen Leben. Sie schenken nicht unerhebliche Teile ihrer Freizeit und ihres Privatlebens ihrem Ehrenamt, lassen sich tipptopp ausbilden, frischen ihr Wissen ständig auf, üben alle erdenklichen Einsatzsituationen an jedem zweiten Mittwoch das ganze Jahr über und riskieren – ohne jede Übertreibung – für ihre Mitmenschen immer wieder ihr Leben. Wenn der Alarm ausgelöst wird, lassen sie alles stehen und liegen, am Tag wie in der Nacht, und sind innerhalb von Minuten an der Wache.

Die Wenningstedter Retter werden von der Gemeinde bestens ausgestattet mit sicherem und vor allem innovativem Equipment. Aber die „Base“ der Freiwilligen, die Feuerwehrwache, liegt mitten im Dorf und alle Um- und Anbaumöglichkeiten sind ausgeschöpft. Und die Wache ist definitiv zu klein für Mann (Frau) und Material. Es gibt keine Duschen, keine Umkleidemöglichkeiten. „Aber mal eben so Mir-nix-Dir-nix neu bauen, das funktioniert ja auch nicht“, weiß Wehrführer Ralf Winter und verweist auf die Kollegen von der Lister, der Rantumer und der Westerländer Feuerwehr, die unlängst neu bauten. „Das ist ein großes Thema, das werden wir mit der Zeit lösen und nicht jetzt sofort“, sagt der Wenningstedter Feuerwehrchef, der im wirklichen Leben Hausmeister im „Haus am Kliff“ ist. Bis dahin gilt es, das Beste aus der Situation zu machen. Das, was die Wenningstedter Retter regelmäßig unter Beweis stellen.

Übungsabend

Einsatz 1: Rettung eines eingeschlossenen Unfall-Opfers

Die Kameraden Melf Petersen und André Kaysser haben draußen an der Strandkorbhalle für dieses Training reale Einsatz-Szenarien vorbereitet. Crêpes-Mann Billy Cooper stellte den Jungs für ihre Übung seinen uralten Mini-Transporter zur Verfügung und den hat das Bauhofteam nachmittags schon in aller Form „verunstaltet“. Großartig für den Übungsfall ist auch der Einsatzort. Hier stört oder beunruhigt man keine Passanten – zumindest nicht im November bei Finsternis.

Die Situation: Schwerer Unfall – das Fahrzeug hat sich mehrfach überschlagen. Alleine kommt da keiner raus. Der Fahrer ist eingeschlossen und verletzt. Das zwölfköpfige Team der „Technischen Hilfeleister“ nähert sich der Angelegenheit professionell. Jan Kaysser, der zusammen mit Ralf Winter die Geschicke der Wenningstedter Feuerwehr lenkt, sichtet die Situation und legt fest, wie der Verletzte am besten aus dem Auto geborgen werden kann. Der bärig-große Hauke Stockfleth hat die Aufgabe, das fiktive Opfer im Unfallauto zu beruhigen. Er stellt fest, dass der Verletzte Puls hat und komplett reaktionsfähig ist. Ein junger Mann, der etwas nach Alkohol riecht. Ausgedachte Story, damit alles noch etwas realer wird. Hauke wird dem Opfer nicht mehr von der Seite weichen, wenn später mit „harten Bandagen“ an seiner Rettung gearbeitet wird, wenn Metall und Kunststoff bersten, wenn Glas splittert und wenn die Szene schon furchteinflößend wirkt, obwohl alles nur „Fake“ ist.

Der Mann klagt über Rückenschmerzen – man entscheidet, ihn nach hinten raus im Liegen zu retten. „Das geschieht natürlich im Realfall in enger Abstimmung mit den Sanitätern und dem Notarzt – und der Polizei natürlich auch“, erläutert Wehrführer Ralf Winter das Vorgehen seiner Mannschaft.

Es hat heftig zu regnen begonnen – nach einer halben Stunde, die die Rettung des Unfallopfers dauert, dürfen dann auch die Newcomer nochmal ran und üben, wie man ein Autofenster geschickt zertrümmert. Morgen wird das, was von dem Wagen übrig ist, ohnehin fachgerecht entsorgt.

„Ich habe meinen Vater als Feuerwehrmann erlebt, seit ich denken kann. Es war für mich völlig klar, dass ich erst in die Jugendfeuerwehr gehe und jetzt auch weiter mache“ berichtet Stine Lödige. Sie ist mit 18 Jahren die Jüngste im Team und zudem im Augenblick die einzige Frau. Das ganze „Mann-Frau-Getüddel“ sei in der Feuerwehr gar kein Thema, sagt sie, den rustikalen Umgangston findet sie eher vergnüglich. Sie schätzt die Gemeinschaft, bei der sich jeder auf jeden 100-prozentig verlassen kann und Konflikte im Zweifelsfall direkt und „vorne herum“ ausgetragen werden. Vor Stine liegen noch zwei Lehrgänge, bis sie vollwertige Feuerwehrfrau ist. Das Ganze wuppt sie neben ihrer Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistentin.

Stine Lödige

„Ich habe meinen Vater als Feuerwehrmann erlebt, seit ich denken kann. Es war für mich völlig klar, dass ich erst in die Jugendfeuerwehr gehe und jetzt auch weiter mache.“

Einsatz 2: Fünf Vermisste bergen

In der Strandkorbhalle üben zwei Atemschutz-Teams mit ihrer schweren Ausrüstung etwas, was zum Glück im wahren Alltag der Wenningstedter Wehr selten vorgekommen ist. Aber es gilt ja, auf alles vorbereitet zu sein, selbst auf sehr dramatische Momente: Ein Gebäude steht in Flammen. Durch die Rauch- entwicklung können die Retter die Hand nicht vor den Augen sehen.

Fünf Personenwerden vermisst. Den Männern, die natürlich auch für diese Situation ausgebildet sind, werden für die Übung die Visiere verklebt. Sie sehen nichts. Gar nichts. Sie machen sich in einem kleinen Team auf, die gesamte Fläche fühlend zu scannen, um die vermissten Menschen zu finden. Sie dürfen bei der Suche einander nicht verlieren, müssen versuchen, sich ganz ohne ihre Augen, nur über Akustik und den Tastsinn zu orientieren. Nach und nach „erfühlen“ die Retter alle Vermissten – Puppen, die André in den Tiefen der Strandkorbhalle versteckt hat. Eine solche Übung erfordert neben guten Nerven vor allem auch Kraft.

 

 

„Ungefähr 20 Minuten lang hält die Füllung von einem Sauerstoffgerät. Ein Signal kündigt an, wenn die Flasche sich leert“, berichtet der Wehrführer. Über Funk sind die Männer im „brennenden“ Objekt mit denen draußen verbunden. Bei allen Scherzen, die natürlich nebenbei mal fallen und unheimlich wichtig sind für die Seele, zeigt das Szenario deutlich, welches Maß an Verantwortung die freiwilligen Frauen und Männer übernehmen, um zu helfen und um zu retten. Die Dienstälteren im Team erinnern sich perfekt daran, wie genau hier vor fünf Jahren die gesamte Halle tatsächlich abbrannte. „Mit allen Strandkörben und den nagelneuen Stühlen für den noch nicht ganz fertigen kursaal³. Wir haben alles gegeben, aber konnten nicht mehr viel retten. Zum Glück ist kein Mensch zu Schaden gekommen“, erinnert Ralf Winter jene Nacht im Oktober 2014.

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Nicht erschrecken!

IMMER SAMSTAGS um 12 Uhr geht in Wenningstedt-Braderup für wenige Sekunden die Feuerwehrsirene an. Um sie zu testen. Die Kameraden werden im Einsatzfall natürlich über die Leitstelle in Flensburg digital alarmiert. Aber die Sirene muss intakt sein – vor allem, um die Bevölkerung im Falle einer Katastrophe warnen zu können.

2

250 Einsätze

HABEN DIE FREIWILLIGEN aller Sylter Wehren zusammengerechnet jährlich auf der Uhr. Das Spektrum reicht vom Beseitigen von Ölspuren bis hin zur Bekämpfung der Folgen massiver Brände, wie sie sich auf Sylt zum Beispiel vor zehn Jahren ereigneten, als ein Brandstifter in einer Nacht an mehreren Orten kurz hintereinander Brände legte. Schon vorher hatte er die ganze Insel regelmäßig in Atem gehalten. Am Ende konnte der Mann gefasst werden.

3

Das Jahr 2019

WAR FÜR DIE WENNINGSTEDTER Kameraden zum Glück relativ ruhig. Im Sommer 2018 halfen die benachbarten Wehren dabei, den Brand des Reetdachanwesens im Hochkamp zu löschen. „Ich hatte das Feuer quasi aus meinem Küchenfenster entdeckt. Wir haben uns so bemüht, dass das Haus durch die Löscharbeiten so wenig Schaden nimmt wie möglich. Und jetzt wird es doch abgerissen“, berichtet der Wehrführer.

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Die Wenningstedt-Braderuper

BESITZEN EINE JUGENDFEUERWEHR: Nach dem 9. Geburtstag dürfen Kinder aus dem Dorf jeden zweiten Montag ab 18 Uhr zum Schnuppern zum Übungsabend in die Feuerwache kommen. Ab dem 10. Geburtstag werden sie dann offiziell „eingekleidet“. Die Youngsters erlernen spielerisch reichlich Lösch- und Rettungs-Know-How, übernehmen aber auch Verantwortung. Die Bewachung der Biike in der Nacht vor dem 21.2. gehört traditionell dazu, oder das Helfen beim Dorfteichfest und anderen Festen im Ort. Fahrten und Ausflüge stehen aber natürlich auch auf der Tagesordnung. Bei Interesse dürfen Kinder oder ihre Eltern sich bei Ralf Winter melden. Tel. 0170/3663012
Mit der Volljährigkeit

WIRD MAN MITGLIED der großen Wehr. Hier gibt es natürlich auch Quereinsteiger, die bis dahin völlig unbeschlagen waren im Retten und Löschen. Wer Interesse hat an der Ausbildung und an einem wichtigen Ehrenamt, kann sich auch einfach beim Wehrführer melden.

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Die Freiwilligen

KÖNNEN AUCH FINANZIELL jede Unterstützung von Einheimischen und Gästen brauchen. Ein jüngst gegründeter Förderverein ermöglicht es zu spenden. Denn Brandschutz geht jeden an. Im letzten Jahr konnte bereits ein Mannschaftsbus angeschafft werden, der jetzt auch der Jugendfeuerwehr zugutekommt.

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