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NATÜRLICH SYLT
So weit die Füße tragen

Christian Thiessen will innerhalb von 24 Stunden Sylt umrunden. Wie er sich vorbereitet, wovor er Angst hat und warum er mit 332 anderen mega-motivierten Wanderern an den Start geht.

»Bist du verrückt? Warum tust du dir das an?« Fragen, die sich Extremsportler und Adrenalinjunkies mit Sicherheit häufig anhören müssen. Christian Thiessen ist Beamter und vertritt sich abends gerne nochmal die Beine – und doch muss auch er immer häufiger auf diese Fragen antworten. Dabei fing doch alles so harmlos an. Mit Feierabend-Spaziergängen in die Tinnumer Wiesen. Die wurden immer länger und irgendwann stolperte er im Internet über eine Veranstaltung namens Megamarsch, die bereits in mehreren Großstädten für einen erhöhten Absatz von Blasenpflastern und Pferdesalbe sorgt. Denn die Teilnehmer gehen so weit, wie Füße und Kopf sie tragen. Und manchmal noch ein wenig weiter. Im Idealfall sind das 100 Kilometer innerhalb von 24 Stunden. Christian meldete sich für den Megamarsch Hamburg an und marschierte fortan mit einem klaren Ziel über die Insel. Mal mit, mal ohne Wanderstöcke. Nie ohne Blasenpflaster, aber immer mit seinem GPS-Tracker, der ihm im Anschluss Streckenführung und Anzahl der »gefressenen« Kilometer anzeigte. Als er seine unzähligen Einzeletappen zusammenlegte, bestätigte sich das, was er bereits nach seinen Inselumrundungen mit dem Rad ahnte. Zu Fuß einmal rund um Sylt sind genau 100 Kilometer. Für Christian nicht nur persönliche Herausforderung, sondern auch Grund genug, einen Megamarsch auf Sylt zu veranstalten. »Zu anstrengend« sagten die Unsportlichen, »zu langweilig« die Sportlichen. Die Sylt Marketing aber fand die Idee mega, nahm Kontakt zu den Veranstaltern auf und lange Strecke, kurzer Sinn: Am 27. Oktober findet der erste Megamarsch Sylt statt.

Moritz LuftChristian Thiessen

»Ab einem gewissen Punkt musst du nur funktionieren und deine Trittfrequenz finden. In den Halbschlaf-Modus schalten und dann einfach Kilometer fressen.«

Auf ihrer Homepage sprechen die Veranstalter von der »Challenge Deines Lebens« und sind auch sonst nicht sparsam mit motivierenden Imperativen. »Du schaffst das! Du bist stark! Trau Dich jetzt!« Nicht ohne Grund. Seit 2016 organisieren Marco Kamischke und Frederick Hüpkes aus Mönchengladbach Langstreckenwanderungen in deutschen Großstädten. Erstmals in Köln, mittlerweile in acht anderen Großstädten. Und nur etwa 25 Prozent der Teilnehmer kommen ins Ziel. Christian gehörte nicht dazu. Bei Kaffee und Mettbrötchen analysiert er ein paar Wochen später die Challenge bzw. den Ausstieg seines Lebens: »Am Wochenende zuvor bin ich 75 Kilometer gelaufen, das war zu viel. Noch dazu habe ich mir am Morsum Deich ’ne Blase gelaufen. In Hamburg hat sich dann eine Blase in der Blase gebildet. Nach 30 Kilometern kamen die Schmerzen, nach 60 Kilometern musste ich aussteigen, nachts um halb vier.« Man könnte meinen, diese Erfahrung habe ihn zurück auf den Grund der Tinnumer Wiesen gebracht, aber nichts da. Was für einige einer Nahtod-Erfahrung gleichkommt, ist für Christian Ansporn. »Ich freue mich wahnsinnig auf den Megamarsch Sylt. Da kann ich meinen Heimvorteil ausspielen. Und für den Fall der Fälle habe ich mir aus der Apotheke auch schon was Spitzes besorgt. Eigentlich soll man Blasen ja nicht aufstechen. Aber wenn, dann wenigstens steril.« Die Nadel ist nicht der einzige Neuzugang in Christians Ausrüstung. »Ich habe mir jetzt einen Rucksack mit Wasser- schlauch gekauft, damit das lästige Auf- und Absetzen entfällt. Und neue Schuhe, hier, die waren im Angebot.« Christian streckt seitlich ein Bein unterm Tisch hervor und lässt seine Schuhsohlen abwechselnd von vorne nach hinten rollen. »Ganz toll angenehm und federleicht. Okay, nicht wasserdicht. Aber bis Oktober muss ich mir wahrscheinlich eh nochmal neue kaufen.« Am schwierigsten wird wohl ohnehin die Auswahl der Klamotte. »Ende Oktober wird es womöglich stürmisch und regnerisch. Da muss man sich fragen: Wird man lieber von oben nass oder schwitzt man lieber?« Christian hat sich für den Mittelweg entschieden: »Meine Hose ist wasserabweisend, aber nicht wasserdicht. Trocknet also schnell und ist atmungsaktiv.« Obenrum sieht er sich sowieso im Vorteil. »In Hamburg habe ich gesehen, dass viele mit Poncho laufen.« Christian rührt in seinem Kaffee und kann sich ein Lachen nicht verkneifen. »Auf Sylt kommt der Wind meist von der Seite. Der weht dir so einen Poncho weg wie nix, es sei denn, du hängst unten Gewichte dran.«

Obwohl die Distanz einem zweifachen Marathon entspricht, hat der Projektmanager der Telekom bislang auf einen ausgeklügelten Trainingsplan verzichtet. »Was man halt so schafft nach Feierabend.« Und das sind in der Regel zehn bis 15 Kilometer, am Wochenende 30 bis 40. »Die einzige Vorgabe ist Spaß. Bis 35 Kilometer macht alles Spaß. Dann kommt Ehrgeiz ins Spiel.« Naja, nicht ganz. Denn um die 100 Kilometer zu schaffen, darf man nicht weniger als 4,25 km/h im Durchschnitt laufen – und die wären ohne Pause. »Auf meinen Trainingsläufen mache ich etwa 6,2 km/h. Wenn ich unter sechs bin, bin ich enttäuscht. Aber meist sind es die Fotos, die ich unterwegs mache, die mir den Schnitt versauen.« Aber wer kann ihm das verübeln? Schließlich ist er auf Sylt unterwegs. Die Insel mit ihren landschaftlichen Reizen nimmt keine Rücksicht auf Zeitvorgaben. Auch nicht bei jemandem, der schon seit 30 Jahren auf Sylt lebt und die Insel aus dem Effeff kennt. Unzählige Male ist er sie mittlerweile in Einzeletappen abgelaufen, an kalten Wintertagen ebenso wie bei hochsommerlichen Temperaturen. Ist wie ein einsamer Cowboy in den Sonnenuntergang gelaufen und bei Sonnenaufgang wieder aufgetaucht. Er kennt den Schmirgelgrad eines jeden Sandkorns (»Am Ellenbogen besser nicht barfuß laufen«) und den Neigungswinkel eines jeden Deichkilometers (»Der Morsum Deich ist schwierig, weil leicht abschüssig«). Der langgezogene Deich im Sylter Osten gehört definitiv nicht zu seinen Lieblingsstrecken. »Der wird im Oktober der Todpunkt für viele sein«, orakelt Christian. Nicht nur wegen des schwierigen, weil ungewohnten, Gefälles, sondern auch, weil der Ostzipfel Sylts in den ganz frühen Morgenstunden, also mitten in der Nacht, erreicht wird. Aber Christian stellt sich seinem Angstgegner und hat für nächste Woche über die Megamarsch-Facebook-Gruppe eine Nachtwanderung mit einer Hamburgerin von Morsum über Hörnum nach Westerland verabredet. Erkennungszeichen: eine Packung Blasenpflaster.

Ihn erkennt man auf seinen zumeist einsamen Trainingsrunden an den Kopfhörern im Ohr und der Dampfwolke. Seit Christian mit dem Rauchen aufgehört hat, dampft er nur noch mit seiner E-Zigarette und gönnt sich auch während seiner Laufrunden regelmäßig ein paar Züge. So richtig abschalten kann der Lokalpolitiker unterwegs allerdings nicht. Als Mitglied der Piraten-Partei sitzt er derzeit als Mitglied der Grünen-Fraktion im Umweltausschuss und in diversen Arbeitskreisen. Während seiner Trainingsmärsche lässt er sich mit Hilfe einer App Sitzungsvorlagen, Protokolle und Arbeitsblätter vorlesen, in Endlos-Schleife. »Derzeit studiere ich Vorschriften und Empfehlungen für Radverkehrsanlagen.« Es ist davon auszugehen, dass er auch beim nächsten verkehrspolitischen Ausschuss wieder bestens vorbereitet ist und seine Position zur touristischen Ausrichtung Sylts mit nachhaltigen Argumenten untermauern kann: »Mir ist ein Megamarsch lieber als ein Maserati-Probefahren in den Dünen.« Wie lieb ihm der Megamarsch nach dem 27. Oktober ist, bleibt abzuwarten. Christian hat sich vorsorglich zeitgleich mit seiner Anmeldung Urlaub genommen. »Ich kann nicht abschätzen, wie es mir am Tag danach geht. Aber ich glaube dass ich körperlich ziemlich am Ende sein werde. Obwohl man ja sagt, dass die 100 Kilometer vor allem Kopfsache sind. Spätestens ab Kilometer 50 muss ich ihn einschalten.« Oder doch vielleicht besser abschalten? »Ab einem gewissen Punkt musst du nur funktionieren und deine Trittfrequenz finden. In den Halbschlaf-Modus schalten und dann einfach Kilometer fressen.« Mit E-Zigarette in der Hand verabschiedet sich Christian, er will noch ein paar Kilometer laufen. Geht er den Megamarsch ohne Dampfen an? »Bist du verrückt? Das tue ich mir nicht an.«

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