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NATÜRLICH SYLT
Feuer und Flämmchen

Ausgerechnet im kleinsten Dorf der Insel ist Nordfrieslands einzige Kinderfeuerwehr im Einsatz. Ein Besuch bei Leo Löschmeister und seiner Löschbande in Archsum.

Aufstellung in der Archsumer Feuerwehrwache. 20 Jungen und Mädchen lauschen dort, wo normalerweise die beiden Einsatzwagen parken, der Ansprache ihres „Wehrführers“ Michael. „Eigentlich ist laut Zettel ja Bastelnachmittag. Wir machen heute aber Experimente und anschließend noch einen kleinen Ausflug.“ Die kleinen Feuerwehrleute sind flexibel. „Ach, sagt Theo und macht eine Wegwerfbewegung mit der Hand, der Zettel ist eh schon längst weg.“ Michael teilt seine Schützlinge in Gruppen ein und führt sie an die Tische, wo bereits vier Versuchsreihen aufgebaut sind. „Experiment 1: Ihr versucht mal bitte herauszufinden, wie man das Glas hier leert, ohne dass man es anhebt. Experiment 2: Die Gummibärchen möchten gerne auf Tauchstation gehen, mögen aber keine Feuchtigkeit. Experiment 3: Wie kann man die Kerze ausmachen – ohne Flüssigkeit und ohne ein Glas drüberzustülpen? Und Experiment 4: Was brennt: Das Wachs oder der Docht?“ In ihren Teams versuchen die Kinder unter den wachsamen Augen und Ohren der fünf Betreuer und mit Hilfe von Teelichter, Zahnstocher und Waschpulver die Rätsel zu löschen beziehungsweise zu lösen. Jugend forscht in Archsum „Justus, wie hält man ein Streichholz? Immer hochhalten! Du hast Dir doch vor zwei Wochen schon fast die Finger verbrannt. Und was machen die Gummibärchen?“ „Die hat Marie aufgegessen“, ruft Mette. Nach einer halben Stunde des gemeinschaftlichen Herumtüftelns löst Michael auf und erntet Reaktionen wie „Das ist nichts anderes als ein klassischer CO2-Löscher“(Betreuer) und „Das haben wir doch von Anfang an gesagt“ (Kinder).

Einer, der sich tatsächlich von Anfang an für das Experiment Kinderfeuerwehr stark machte, ist Michael Schemhaus. Der gebürtige Westfale ist Oberlöschmeister und Sicherheitsbeauftragte der Freiwilligen Feuerwehr Archsum und Kinderfeuerwehrwart der Kinderfeuerwehr Achrsum, die er vor gut zwei Jahren gemeinsam mit seinem Feuerwehrkamerad, dem stellvertretenden Archsumer Wehrführer Jens Peter Holst gründete. Damals mit zehn Gründungsmitgliedern, mittlerweile fiebern 20 Kinder im Alter zwischen sechs und zehn Jahren ihren Dienstnachmittagen entgegen. „Klar, es geht in erster Linie darum, Nachwuchs für die freiwilligen Wehren der Insel auszubilden. Aber eben auch darum, das Wort Gemeinschaft mit Inhalt zu füllen und fürs Ehrenamt in jungen Jahren zu begeistern“, so Michael. Auf dem Stundenpan stehen Fahrzeugkunde, Löschangriffe und Brandschutzerziehung. Wobei die Dienste nicht mit schwerem Gerät durchgeführt werden, sondern mit leichtem Equipment, eigens angefertigten Modellen und immer mit ganz viel Spaß. So endet ein Löschangriff auf der Archsumer Dorfwiese zum Beispiel gerne mal in einer Wasserschlacht. „Für die Kinder ist das hier alles ein großes Abenteuer mit Lernfaktor“, so beschreibt es Daniela, die ihren Sohn Phil wie jeden zweiten Freitag zum Dienstnachmittag bringt: „Als ich letztens eine Kerze anzünden wollte, zeigte mir Phil erstmal, wie ich das Streichholz richtig zu halten habe.“

Alle versammeln sich nun vor einem Modellhaus, wo sich in sekundenschnelle Rauch entwickelt und sich ausbreitet. „Seht ihr“, sagt Michael, „unten im Raum sammelt sich nicht so viel Rauch wie oben.“ „Deshalb soll man ja auch immer unten am Boden krabbeln, wenn´s brennt“, kommt die logische Schlussfolgerung aus der zweiten Reihe. „Genau. Wollt ihr jetzt noch eine Explosion?“ fragt Michael und setzt, Dach ab, Schale rein, Dach drauf, eine Schale mit einem gelben Pulver in die Puppenstubenküche. „Jaaaaaaa, Explosion“, rufen die Mitglieder der Archsumer Kinderfeuerwehr so laut, als gelte es, noch schlafende Bewohner im Rauchhaus zu wecken. „Ok, dann alle noch gut einen Meter zurücktreten. Gleich macht´s peng“, heizt Michael die Spannung weiter auf und pumpt mit einem Blasebalg Luft ins Haus. Plötzlich ist es mucksmäuschenstill. 20 Augenpaare fixieren das Rauchhaus, das zwei Sekunden später mit einem lauten Knall explodiert. Kollektives Aufatmen. Der Knall war laut genug, um davon noch am nächsten Tag in der Schule erzählen zu können, aber doch so ungefährlich, dass sich der zuvor gebildete Pulk wieder in alle Richtungen auflöst. „Alle fertigmachen zum Ausrücken nach Keitum, denkt an Eure Einsatzjacken“, ruft Michael der Feuerwehrbande mit fester Stimme zu und flüstert zur Seite gewandt „Den Kindern erkläre ich zwar, dass dies eine Staubexplosion war, aber ich verrate nicht, welche Materialen dabei zum Einsatz kamen. Vorsichtsmaßnahme.“ 

Die Dienstnachmittage gestaltet das Betreuerteam um Malin Schulz, Björn Christiansen, Jens Peter Holst und Maike Winning so feurig, dass die Kinder trotz oder wegen aller Vorsichtsmaßnahmen freiwillig kaum ein Treffen ausfallen lassen. So wie Theo, der auf zwei Krücken gestützt aus dem Gerätehaus humpelt. „Eine Verletzung an der Hüfte, halb so schlimm.“ Ein Archsumer Feuerwehrkind kennt keinen Schmerz. Aber es kennt die Maxime der Gemeinschaft. Michaels Tochter Kristin-Elena zeigt stolz ihren Aufnäher auf ihrer Einsatzjacke: Lernen, Helfen, Vorbild sein. Die siebenjährige ist seit gut einem Jahr in der Kinderfeuerwehr. Und findet ihren Papa natürlich mindestens so cool wie das Maskottchen Leo Löschmeister, das ihre Mama vor zwei Jahren für die Kinderfeuerwehr entwarf. Stofftier-Löwe Leo Löschmeister ist, ebenso wie das fünfköpfige Betreuerteam, immer und überall dabei. Ob beim Überraschungsdienst mit der Wasserrettung am Munkmarscher Hafen oder bei der Übernachtungsparty, bei der mit Hilfe der Hunderettungsstaffel eine vermisste Peron gefunden werden musste. 

Mit ihren eigenen Kindersitzen in der Hand klettert die Löschbande in die beiden roten Einsatzfahrzeuge der Archsumer Feuerwehr. Danny installiert seinen Kindersitz im Fond des Feuerwehrautos und denkt wehmütig an seine wohl schönste Fahrt zurück: „Einmal bin ich sogar schon mit Blaulicht gefahren.“ Michael weiß natürlich um die Highlights seiner Schützlinge. „Wenn wir kleine Übungen machen, zum Beispiel ein Feuer auf dem Biikeplatz, melde ich diese auch schon mal als solche bei der Leitstelle an. Dann dürfen wir nämlich mit Sondersignal, also mit Martinshorn und Blaulicht, fahren.“ Die Fahrt zum benachbarten Feuerwehrmuseum in Keitum müssen die Kinder ohne Blaulicht und Martinshorn, aber nicht ohne Vorfreude zurücklegen. „Ich war noch nie in einem Museum“, sagt Danny ganz gespannt und rückt seine Feuerwehr-Kappe zurecht. In Keitum angekommen, kniet sich Michael hin, versammelt seine Löschbande um sich und schwört sie wie ein Trainer ein: „Wir sind hier Gäste. Und Gäste quatschen nicht dazwischen. Und fassen nichts an. Da vorne wartet einen Feuerwehrkamerad auf uns, der erklärt uns alles.“ Wie aufs Stichwort tritt ein stattlicher Herr in Ausgehuniform vor die Tür des Museums und breitet seine Arme aus. „Herzlich Willkommen, Kinder. Ich bin Artur und ich freue mich, dass ihr hier seid. Schaut Euch um und wenn ihr Fragen habt, könnt ihr sie mir gerne stellen!“

Das lassen sich die kleinen Besucher aus Archsum nicht zweimal sagen. „Artur, wofür sind die Trompeten? Artur nimmt vorsichtig ein gebogenes Instrument aus dem Regal. „Das ist ein Horn und diente damals zum Alarmieren. „Und warum haben diese Helme keinen Schutz?“ fragt Marie und schießt, ohne die Antwort abzuwarten, gleich die nächste Frage hinterher: „Sind das hier Wasserpumpen?“, und zeigt auf zwei Konstruktionen, die aussehen wie Bollerwagen. „Tüdelkram, sagt Artur, und erklärt, wie man früher auf Sylt gelöscht hat. „Wann bist Du angefangen, Feuerwehrmann zu werden?“, fragt Justus. Artur Sünkler, Jahrgang 41, ist 1963 in die Feuerwehr Keitum eingetreten. Er ist Ehrenamtswehrführer und einer von 17 ehrenamtlichen Kameraden, die das Feuerwehr-Museum betreuen, das seit 1999 Zeit- und Löschgeschichte schreibt. „Mein Papa hatte schon 100 Einsätze“, sagt Lasse und stellt sich stolz neben Artur, auf dessen Ausgehuniform etwa ebenso viele Orden und Auszeichnungen prangen. Stolz zeigt ihm die siebenjährige Mette ihre Auszeichnung, die in Form einer kleiner Flamme und der Zahl 4 auf ihrer Einsatzjacke lodert. „Ich habe schon Flämmchen 4 gemacht.“ Flämmchen 1 bis 5 sind die Prüfungen, die die Löschtruppe während ihrer Ausbildung ablegen. Sind alle fünf Flämmchen bestanden, ist es Zeit für die bunte Flamme und die Überstellung an eine der fünf Sylter Jugendfeuerwehren. So wie bei den zehnjährigen Zwillingen Jan und Finn sowie Theo, die an diesem Tag feierlich überstellt werden. „Herzlichen Glückwunsch! Ihr habt nun Euren Dienst in der Kinderfeuerwehr beendet“, sagt Michael und übergibt unter dem Applaus der Kinder und mitgereisten Eltern die neue Einsatzkleidung. „Und hier Eure Ausweise, als Beweis Eurer Fähigkeiten.“ Applaus. Die drei angehenden Mitglieder der Jugendfeuerwehren Tinnum und Westerland stehen sichtlich gerührt aber auch ein wenig verlegen in der Mitte des Raumes und lassen sich die neue Einsatzkleidung anlegen. „Drei Generationen Feuerwehrmänner“, flüstert Anja Holst gerührt und zeigt ein Foto ihres Schwiegervaters, ihres Mannes und ihrer Zwillinge Jan und Finn in Dienstuniform. Eine Familienaufstellung im Keitumer Feuerwehrmuseum.

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