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NATÜRLICH SYLT
Erzähl mir doch ein Märchen

Wie sehr wir doch die Wirklichkeit lieben, schätzen und ehren. Doch wie wäre es einfach mal zuzuhören und geduldig zu sein, ohne der Realität direkt ins Auge zu schauen?

Es ist wie ein Geschenk vom Himmel gefallen«, erzählt Linde Knoch mit funkelnden Augen von dem Moment, der ihr Leben für immer verändern sollte. Zumindest in beruflicher Hinsicht. Denn mit ihrem Mann und den drei Kindern stand sie bereits mitten im Leben. Eine so große Veränderung war weder notwendig, noch wurde sie zwingend herbeigesehnt. Irgendwie schien sich alles zu fügen. Vollkommen unerwartet, fast schon zufällig und dennoch goldrichtig.

Nach dem Abitur fiel die Wahl der ursprünglich aus Mecklenburg-Vorpommern stammenden Sylterin zunächst auf ein Studium an der Hamburger Kunsthochschule. Etwas einschüchternd und am längeren Hebel sitzend trieb der Vater ihr diesen Plan mit der Floskel »Das ist doch brotlose Kunst« aus. Sich einfach so gegen die Eltern durchzusetzen und mit geradem Rücken der eigenen Leidenschaft nachzugehen war zum damaligen Zeitpunkt keine Selbstverständlichkeit. Und so wurde gekuscht, die angestrebte Künstlerkarriere gegen etwas Greifbares und Handfestes, den Beruf der Bibliothekarin, ersetzt. Bücher und das Lesen waren schon immer ihr Ding, einen anderen Weg als erhofft einzuschlagen also halb so wild für sie. Umso unbegreiflicher ist es, dass Linde Knoch ihren eigentlichen Traumberuf erst Jahre später entdeckte. Dass dieser tatsächlich auch noch weniger mit der Kunst als solches zu tun haben würde, das konnte sie nun wirklich nicht ahnen.

Linde KnochLinde Knoch

»Der Rhythmus der Sprache wird beim Aneignen der Märchen bewusst und entsprechend genutzt. So kann ich mir die Märchen weitgehend textgetreu aneignen, ohne dass sie auswendig gelernt klingen«

Doch wie kam es nun zu diesem besonderen Geschenk des Himmels, das Linde Knoch zur passionierten Märchenerzählerin und prämierten Autorin machte? Es war 1984, ihre Tochter in der 12. Klasse und vollkommen verzweifelt auf der Suche nach einem Referatsthema. Verständlicherweise erschlagen von all den Optionen weit und breit. Wie soll man sich da entscheiden können, den richtigen Einfall haben? Man grübelt so lange, bis einem nichts mehr in den Sinn kommt, man mit beiden Beinen fest auf dem Schlauch steht. »Schau doch mal, was die Märchen heutzutage für Kinder bedeuten«, platzte es aus Mutter Linde heraus. Perfekt! Gesagt, getan und so schleppte Tochter reihenweise Literatur ins Haus. Logisch, dass Muttern nicht nur beim Thema, sondern auch bei der Recherche unterstützend zur Seite stand. Ein Buch von einer Märchenerzählerin fesselte Linde Knoch so sehr, dass sie unbedingt die Autorin kennenlernen wollte. Umgehend, am liebsten sofort. Sie fuhr bis nach Augsburg, um die Frau auf dem Kongress der Europäischen Märchengesellschaft zu treffen. »Für mich stand sofort fest, das mache ich mein Leben lang. Irgendwann hatte es dann auch mein Mann begriffen.«

Märchenerzählerin. Ist das überhaupt ein richtiger Beruf? Könnte das nicht grundsätzlich jeder sein? Tatsächlich nicht. Ein Märchen schlichtweg vorzulesen ist ganz anders als ein Märchen zu erzählen. Es bedarf einer besonderen Technik, die sogenannte Methode der Lemniskate. »Der Rhythmus der Sprache wird beim Aneignen der Märchen bewusst und entsprechend genutzt. So kann ich mir die Märchen weitgehend textgetreu aneignen, ohne dass sie auswendig gelernt klingen«, erklärt Linde Knoch und malt mit ihrem Zeigefinger eine liegende Acht, die eben jene Methode charakterisiert, in die Luft, während sie eine kleine Kostprobe gibt. Man hängt ihr förmlich an den Lippen, würde ihr am liebsten stundenlang zuhören, so fesselnd sind die Klänge ihrer Worte.

Sechs Jahre ging sie bei der Religionspädagogin und Märchenerzählerin Felicitas Betz in die Lehre. 216 Märchen vieler Völker und Kulturen wurzeln seitdem in ihrem Garten, sechzig davon kann sie »inwendig«, den Rest müsste sie vor dem Erzählen auffrischen. »Es existieren unendlich viele Märchen auf dieser Welt. Manchmal lese ich eines und packe es wieder weg. Monate später lese ich es erneut und empfinde es ganz anders. Das Wichtige ist: Märchen leben nicht davon auswendig vorgetragen, sondern erzählt zu werden. Ein Märchen zu erzählen ist metaphorisch gesehen wie die Geburt eines Kindes, man bringt es zur Welt. Allerdings ohne großen Eigenanteil und ohne Deutung, sonst sind die Hörer nicht frei«, weiß Linde Knoch aus eigener Erfahrung. Zwar weist jedes der Volksmärchen eine ähnliche Struktur auf und es gibt überall den Archetyp des Helden, der durch dick und dünn, durch tiefe Täler gehen muss, es gibt den Helfer und Unterstützer, die Bösewichte, die Königstochter und ein Happy End. Dennoch ist es mitunter schwer nicht mit einem der Charaktere zu sympathisieren. »Man hat vielleicht seinen heimlichen Liebling, dem Hörer darf ich aber zumuten sich selbst ein Bild zu machen.«

So erzählt Linde Knoch nicht nur die Märchen der Brüder Grimm, sondern Märchen aus aller Welt, die sie in Erzählseminaren Interessierte, sozusagen Sprache dirigierend, nach der Methode der Lemniskate lehrt. Bei manchen Exemplaren muss sie im Vorfeld jedoch Hand anlegen und im übertragenen Sinne Unkraut jäten, denn manche Beschreibungen würden es dem Hörer erschweren die eigene Vorstellungskraft zu entfalten. Hierbei darf an dem Kontext des Märchens natürlich nichts verändert werden. »Gärtnern« nennt Linde Knoch diese Praktik liebevoll pragmatisch.

Für Kinder ist diese Art des Märchenerzählens sehr natürlich, denn sie können die Worte unvoreingenommen ohne viele Beschreibungen visualisieren und daraus ihre eigene Welt kreieren. Alles ist richtig, es gibt kein Falsch. »Die Vorstellungskraft ist bei den Kindern noch größer und reiner als bei den erwachsenen Zuhörern. Denn im Gegensatz haben sie meist noch nicht so viel erlebt und verarbeiten müssen. Für sie sind Märchen eine Lehre und Vorbereitung fürs Leben«, macht Linde Knoch deutlich. Aus diesem Grund sind ihrem Erachten nach die so oft bei den Eltern vorhandenen Zweifel, ob man den Kindern überhaupt so brutale, grausame Geschichten wie »Hänsel & Gretel« vorlesen kann, unbegründet. »Kinder können alle Märchen hören, da sie anders hören. Sie haben keine Angst.«

Bei den Erwachsenen hingegen werden oftmals Erinnerungen geweckt, die im Gedächtnis oder auch Unterbewusstsein gespeichert wurden. Märchen können so oftmals eine therapeutische Wirkung haben, denn im Grunde verkörpern die jeweiligen Figuren, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheinen mag, die Aspekte der menschlichen Seele. Für Linde Knoch ist dies ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit und auch das, was sie mitsamt der Weisheit an Märchen so fasziniert. Sie wecken Emotionen, helfen das eigene Ich vertieft zu erfahren und kennenzulernen. Im Grunde sind sie Antworten auf noch nicht gestellte Lebensfragen. Sie verkörpern das Auf und Ab, Tag und Nacht, Ebbe und Flut, helfen uns auszubrechen aus der Realität und einzutauchen in eine andere Welt. Für sie als Gärtnerin der Sprache sind es nicht nur die Märchen, die Linde Knoch Freude bereiten und sie in der Balance halten. »Wenn ich nach Hause komme, stecke ich meine Finger am liebsten direkt in die Erde. Ich liebe gärtnern.«

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