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NATÜRLICH SYLT
Der Strandvogt

Niels Diedrichsen wachte 35 Jahre lang in offizieller Mission über den Lister Strand. Was ihm das Meer dabei so alles ans Ufer spülte, an welche Geschichten er sich am liebsten erinnert und warum er der Landeskasse 62,50 Mark schuldete.

Am Abend des 14. Oktober 1977 klingelt bei Niels Diedrichsen in List das Telefon. Am Apparat sind die Herren Dobermann und Dorst von der örtlichen Polizei, sie informieren über die Strandung einer Motoryacht am Lister Weststrand. »Ich fuhr sofort hin«, erinnert sich der damalige Lister Strandvogt gut 40 Jahre später, »aber in der Dunkelheit war es schwer, die Strandungsstelle zu finden.« Der Strandungsfall »Apollo« entwickelte sich zu einem Krimi. Es war der sogenannte »Deutsche Herbst 1977«, die ganze Republik war in Aufruhr und Sylt schien plötzlich mittendrin zu sein. »Ein herrenloses Schiff am Strand in der Zeit der Schleyer-Entführung – was meinen Sie, was da los war!« Am kommenden Tag fuhr Niels Diedrichsen mit dem Traktor an den Strand, legte das Boot frei und ließ es durch das Fahrgastschiff »Palucca« in den Hafen von List schleppen. »Die ganze Sache war sehr mysteriös. Die Kripo rückte an, über Interpol wurde dann der Eigentümer gesucht«, so Diedrichsen. Der dänische Eigentümer wurde rasch ermittelt, dieser hatte sein Boot am Limfjord an drei junge Dänen verchartert. Ermittlungen ergaben weiterhin, dass diese sich nach der Strandung mit der Fähre nach Rømø abgesetzt hatten, aber kurze Zeit später mit dem Auto zurückkehrten und sich an Bord der Yacht namens Apollo zu schaffen machten. »Sie holten drei Schrotgewehre mit abgesägten Läufen, die sie hinter einer Verkleidung versteckt hatten.« Es wurde eine Großfahndung ausgelöst, die Dänen festgenommen und die Waffen sichergestellt. Die Yacht sollte vermutlich als Schmuggler-Schiff benutzt werden. 

Das ist nicht die einzige spektakuläre Geschichte, die Niels Diedrichsen im Laufe seiner 35 Dienstjahre als Lister Strandvogt erlebte. Schiffe wie Ruderboote, Segelboote, sogar Fischkutter, fielen immer wieder in seinen Verantwortungsbereich, aber auch Markierungs- und Messtonnen sowie Strandgut aller Art. Was den Besitzern, so man diese ermitteln konnte, nach Zahlung der Bergekosten nicht zurückgegeben werden konnte, wurde zugunsten der Staatskasse versteigert. Bei wertvollen Sachen erschien in der Zeitung zuvor noch eine Annonce, so zum Beispiel im Januar 1978, als der Besitzer eines Kunststoffsegelbootes, gestrandet im September zuvor in der Blidselbucht, gesucht wurde. Die alten Lister Familien vom Ost- und Westhof stellten im Lauf der Geschichte immer wieder Strandvögte in List, sie bewirtschafteten das Listland, das ihnen bis heute gehört. Auch weil sie Kapazitäten wie Fuhrwerke und Arbeitskräfte hatten, sie waren Bauern und überwachten seit jeher den Strand. Sammelten seit undenkbaren Zeiten Strandgut. »Gebrauchen konnte man damals alles, vor allem Holz. Balken und Bretter, Gangways und Luken. Solches Holz wurde, wenn es nicht verheizt wurde, verbaut – auch in unserem Dachstuhl«, erzählt Diedrichsen und zeigt mit einer Tasse Tee in der Hand nach oben Richtung Decke. »Wir sind ja die Ureinwohner hier und waren seit Generationen für diesen Posten verantwortlich«, sagt er. 

Im April 1955 bekam der damals gerade 23-jährige Landwirt seine Ernennung. Ein einfaches Schreiben vom Wasser- und Schifffahrtsamt Tönning teilte lapidar mit, dass Niels Diedrichsen auf Vorschlag des Strandamtes Sylt mit sofortiger Wirkung Strandvogt des Bezirks List sei. Und dann fuhr er los, wenn es was zu bergen gab. »Erst mit dem Pferdefuhrwerk und später mit dem Traktor. Die Sachen hab ich dann auf unserem Hof, der Strandvogtei, gelagert und alles wurde erfasst. Die Fundsachen musste ich vierteljährlich dem Strandhauptmann in Westerland melden und auch der Zoll war immer zu informieren. Dann hieß es damit auszuharren, es wurde versucht, Eigentümer zu ermitteln. Was für ein Aufwand! Und erst dann konnte versteigert oder verkauft werden. Die Versteigerungen fanden hier auf unserem Hof statt.« Von dem Erlös bekam auch Diedrichsen seinen Anteil, darüber hinaus erhielt er tariflichen Bergelohn – zum Beispiel 80 Mark für eine Markierungs-Tonne und ein symbolisches Jahressalär. Mehr als drei Jahrzehnte war Niels Diedrichsen in seiner Funktion als Strandvogt rund um die Uhr erreichbar, bei Wind und Wetter und Stürmen trotzend am Strand und jederzeit bereit, ein persönliches Risiko einzugehen. Dann ging die Verantwortung für die Strandfälle an die Kommune über, im Rahmen eines Rechtsbereinigungsgesetzes erlosch das Amt 1990. Im September eben dieses Jahres erhielt Niels Diedrichsen einen Brief vom Amt für Land- und Wasserwirtschaft in Husum, Betreff: Aufhebung der Strandvogteien, »…Ihre Bestellung zum Strandvogt endet dadurch mit Ablauf des 30. Juni 1990.« Überzahlte Aufwandsentschädigung in Höhe von 62,50 Mark seien der Landeskasse zurückzuüberweisen.

Bis dato gab es auf Sylt sieben Strandvögte, die dem damaligen Strandhauptmann Karl-Peter Pfnür unterstanden. Die Ämter erloschen auch, da sich der Aufwand mit Versteigerung und Verwaltung nicht mehr lohnte. Strandungen gibt es heute kaum noch, falls doch, greift das Havariekommando ein. Und Strandfunde sind heutzutage entweder ein Fall für die Müllabfuhr oder fürs Fundbüro. »Natürlich haben die Leute auch einfach so gesammelt, ohne sich darum zu kümmern, wem was gehören könnte. Zumal Brennholz auf der Insel immer knapp war«, berichtet Niels Diedrichsen. Ganze 27 Kilometer war sein Strandbezirk lang, Richtung Süden bis Klappholttal und damit gar nicht zu überwachen, was da an Kleinigkeiten angeschwemmt wurde und schnell verschwand. Ganze Schiffe, die fielen sicher auf. Aber: Wie viel Holz, wie viele Strandfunde und was für Schätze wohl vor ihm in den Dünen versteckt wurden? »Der Aufwand, dem nachzugehen, war gerade bei Kleinkram viel zu groß.«      Niels Diedrichsen blättert in alten Ordnern, auch in den ganz alten seiner Vorgänger – akribisch notierte Kleinigkeiten mit Pfennigbetrag hier, verblassende Schriften dort. Derweil geht seine Gattin Frauke in den Keller und holt das alte Blechschild mit dem Landeswappen und dem Schriftzug »Strandvogtei« hervor, wischt Staub und Spinnenweben fort, Niels Diedrichsen hält es mit einem Lächeln und Stolz. Die 62,50 Mark übrigens musste er dann doch zurückzahlen, das Schild aber hat er behalten – als sichtbare Erinnerung an die Zeiten, als es auf Sylt die Strandvögte gab. 

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