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NATÜRLICH SYLT
Das System

Auf der Insel, die jahrhundertelang zu Dänemark gehörte, lebt eine dänische Minderheit. Ein Mikrokosmos mit dänischem Kindergarten, dänischer Schule und dänischer Kirchengemeinde.

Wenn sich die dänische Minderheit zur jährlichen Årsmøde in Keitum trifft, ist die Mehrheit dabei. Beim Festumzug durchs Dorf, angeführt von Fahnenträgern mit dänischer und friesischer Flagge und gefolgt von Pauken und Trompeten, zelebrieren Hunderte ihre Verbundenheit. Ihr eigene untereinander und die mit dem Nachbarland Dänemark. »Zum Jahrestreffen kommen alle zusammen«, sagt Peter Petersen, Vorstandsmitglied des dänischen Kulturvereins SSF Sylt (Sydslesvigsk Forening Sild) nicht ohne Stolz. Das, was die Biike für die Friesen, ist die Årsmøde also für die Südschleswiger. Und das, was die Sölring Foriining für die Sylter Friesen, ist der SSF für ... Ja, für wen eigentlich? Wer oder was ist diese dänische Minderheit genau? Die auf Sylt sehr aktiv ist, sich aber doch gleichzeitig immer ein bisschen unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung, teilweise auch des öffentlichen Interesses bewegt. »Minderheit ist, wer will«, sagt Peter und macht keinen Hehl daraus, dass er selbst nie etwas anderes wollte. Geboren in den Nachkriegsjahren in Hörnum, wuchs er in der dänischen Minderheit auf. Seine Eltern, beide Südschleswiger aus Flensburg, schickten ihn aus Überzeugung auf die dänische Schule. Im Gegensatz zu denen, die ihre Kinder damals wegen der sogenannten Speckpakete aus Dänemark unter dänischer Fahne einschulten. »Eine geköderte Minderheit damals«, sagt Peter, der Anfang der siebziger Jahre seine Frau Gisela ganz ohne Speck und nur mit schönen Augen erst für sich und dann für die Minderheit gewinnen konnte. Gisela hatte ursprünglich nichts mit Dänemark am Hut, ist dann »halt so reingewachsen ins System«. Für sie war es selbstverständlich, ihre Tochter auf die dänische Schule zu schicken und sich in der Minderheit zu engagieren. Gemeinsam mit Peter richtet sie regelmäßig »Smørrebrød-Abende« im dänischen Kulturhaus in List und in der ehemaligen dänischen Schule in Keitum aus und zeigt, wie man das dänische Kult-Butterbrot richtig anrichtet. »Aber natürlich«, sagt Gisela, »steht die dänische Minderheit für viel mehr als nur für Smørrebrød. 

Es ist eine Lebenseinstellung. Unsere Lebenseinstellung.« Und die scheint in den letzten Jahren chic geworden zu sein, spätestens seit alles Schöne und Gemütliche hyggelig ist. »Die spinnen. Jetzt heißt sogar ’ne Zeitschrift so«, wirft Peter ganz unhyggelig ein und hinterfragt bei der Gelegenheit auch gleich den Begriff Minderheit, der seiner Meinung nach den Mehrwert des dänischen Systems nur unzureichend erfasst. »Wir sprechen zwei Sprachen, wir sind vertraut mit zwei Kulturen. Ist das minderwertig?« Nein, natürlich nicht. Minderheit bezeichnet ganz wertfrei den prozentualen Anteil der dänisch Gesinnten in der Gesamtbevölkerung. Das sind innerhalb Südschleswigs rund zehn Prozent. Auf Sylt etwas weniger. »Wir haben rund 340 Mitglieder«, so Astrid Detlefsen-Petzold, die Vorsitzende des SSF-Ortsverbands Sylt und selbst klassisch deutsch-dänisch sozialisiert aufgewachsen. Großeltern Dänen, Vater dänische Schule, sie selbst auch, ihr Sohn sowieso. »Wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft, aber wir schotten uns nicht ab. Jeder ist willkommen und jeder soll sich willkommen fühlen.« Und etwas leiser fügt sie hinzu: »Sonst säßen wir irgendwann alleine da.« Im SSF und in den zahlreichen anderen dänischen Sport-, Frauen-, Jugend- und Seniorenvereinen. »Wir sind halt multikulti«, sagt Peter und erinnert im selben Atemzug daran, dass die Würstchen für den Hotdog-Stand beim Fest der Freiwilligen Feuerwehr Keitum noch bestellt werden müssen. Spätestens jetzt drängt sich die Frage auf: dänisch oder deutsch? »Südschleswiger. Ich bin Südschleswigerin «, antwortet Kai Tove Zilkenat. Von Geburt an ist sie fest verwurzelt im System, seit elf Jahren leitet sie den dänischen Kindergarten in Westerland (Dansk børnehave) und seit neun Jahren versucht sie ihren Ehemann Thomas, Exil-Berliner und Wahl-Sylter, ins System zu assimilieren. Unterstützung bekommt sie dabei von ihren Kindern Maj und Karl sowie von Selena und Julius, die Thomas mit in die deutsch-dänische Beziehung brachte. Dass hier die dänische Minderheit in der Mehrheit ist, ist offensichtlich. Ein Hygge-Schild in der Gartenhecke und zahlreiche Dänemark-Fahnen säumen den Weg zur Wohnung. Auf dem Küchentisch liegt eine dänische Zeitung, im Hintergrund dudelt ein dänischer Radiosender. Was die Sprache bei Tisch angeht, herrscht allerdings ein ausgewogenes Verhältnis, es wird dänisch und deutsch gesprochen. »Nur wenn wir über ernsthafte Sachen diskutieren, switchen wir komplett um ins Deutsch.« Maj ist es egal, welche Sprache beim Middag oder beim Abendbrot gesprochen wird. Sie beherrscht sie beide. Denn die 13-Jährige schafft den sprachlichen Spagat ganz spielerisch. Vormittags dänische Schule, nachmittags deutscher Turnverein. Trotz des gelebten Miteinanders gibt es auch bei Maj ein »die« und ein »wir«: »Wir sind verrückter, die deutschen Kinder sind ein bisschen normaler, mehr der Norm angepasst.« Ihre Mutter Kai nickt zustimmend: »Im deutschen System wird man schnell ausgegrenzt, wenn man nicht der Norm entspricht.

Im dänischen System ist sowohl die soziale als auch menschliche Komponente ausgeprägter. Der Umgang ist einfach persönlicher und mehr auf Augenhöhe.« Dazu gehört für Maj zum Beispiel auch die Tatsache, dass sie ihre Lehrer duzt: »Meine deutschen Freundinnen finden das unglaublich. Für mich ist das völlig normal.« Auch auf Sylt entscheiden sich viele aus der Mehrheitsbevölkerung ganz bewusst für das System. Mittlerweile gibt es eine lange Warteliste für die zehn Krippenplätze und 40 Kindergartenplätze, die Kai nach eingehenden Gesprächen mit den Bewerbern vergibt. Sie macht klar, dass man sich nicht nur für den pädagogischen Ansatz entscheidet, sondern fürs dänische Ganze. »Wir können Sprachkenntnisse natürlich nicht zum Zugehörigkeitskriterium machen. Aber wir erwarten von den Eltern Engagement. Was das Lernen der Sprache und auch was das Engagement in der Gemeinschaft angeht.« Die mehrsprachige Ausbildung fängt im Kindergarten an und findet ihre Fortsetzung in der dänischen Schule (Dansk Skole). Rund 80 Schüler werden in der Hans-Meng-Skolen in Westerland von der ersten bis zur achten Klasse nach dänischem Vorbild, aber mit Vorgaben des deutschen Kultusministeriums unterrichtet. Das Abitur (Studentereksamen) wird deutschlandweit als solches anerkannt. Für Maj, die die achte Klasse abgeschlossen hat, geht es im Herbst auf die weiterführende Schule nach Flensburg. Dass sie dort die Woche anstatt im Schoß der Familie selbstständig im Wohnheim verbringt, ist je nach Einstellung Wermutstropfen oder ein weiterer Pluspunkt des dänischen Systems, das bis einschließlich der neunten Klasse Lernen im Verbund vorsieht. »Es fördert die Toleranz, dass wir alle zusammen in einer Klasse sind. Wir helfen, wenn einer schlechter ist.« Worte, die bei Jon Hardon Hansen allein schon von Berufs wegen auf Zustimmung treffen. Seit 1991 ist er Pastor in der dänischen Gemeinde Sylt, die ihren Sitz auf einem alten Friesenhof in Westerland hat. Als Kirchenraum fungiert ein Mitte der siebziger Jahre umgebautes Stallgebäude. Jon öffnet die Klöntür seiner Stallkirche (Staldkirken) und drückt mit festem Wikingergriff die Hand der Besucher. »Hallo, ich bin Jon.« Kopf einziehen war noch nie sein Ding, es sei denn, architektonische Gegebenheiten zwingen ihn dazu. Während er in geduckter Haltung durch die niedrigen Türrahmen zum Kirchenraum geht, macht er klar: »Wir duzen uns. In Dänemark wird nur die Königin gesiezt.« Jon ist der heimliche Monarch der dänischen Minderheit. Er ist Vertreter des Minderheitenrates der vier autochthonen nationalen Minderheiten in Deutschland und Vorsitzender des Sydslesvigsk Forening (SSF). 

Rund 15.000 Mitglieder hat die kulturelle Hauptorganisation der dänischen Minderheit, die insgesamt rund 50.000 Angehörige deutscher Staatsbürger dänischer Gesinnung umfasst. Jon beschreibt, was Gesinnung für ihn bedeutet: »Es hat was mit Liebe und Vorliebe zu tun. Zur dänischen Kultur, zur Sprache, zum Landesteil Südschleswig. Zur Natur und zum Meer. Es ist auch Heimatgefühl, sich geborgen und zuhause im Dänischen zu fühlen. In der Mentalität, in der nordischen Weltanschauung, deren demokratischen Werten und in den Umgangsformen.« Jon wuchs in den sechziger Jahren in der »dänischen Mühle« auf. Als Sohn eines Reichsdänen und einer gebürtigen Deutschen lebte er so dänisch wie möglich in einem deutsch dominierten Alltag. »Obwohl wir mit zwei Kulturen und zwei Sprachen groß wurden, mussten wir uns vor unseren Autoritätspersonen für eine Seite bekennen. Entweder dänisch oder deutsch.« Als Jugendlicher, der in beiden Welten unterwegs war, war es aber schwierig, eine eindeutige nationale Identität zu entwickeln. »Es war eher eine regionale Bindestrich-Identität.« Erst mit seinem Wegzug nach Dänemark fand er seine eindeutige Zugehörigkeit. Der damalige Zwang innerhalb der Minderheit, sich klar und deutlich als Däne zu bekennen, ist heute der freien nationalen Selbstfindung gewichen. Das beiderseitige Misstrauen sowie die Vorurteile und Schikanen in Zeiten des Grenzkampfes zwischen Minderheit und Mehrheit sind einem freundschaftlichen Mit- und Füreinander gewichen. »Wir sind keine Bedrohung mehr, wir sind eine Bereicherung.« Die Entwicklungen südlich und nördlich der deutsch-dänischen Grenze sieht Jon natürlich positiv, plädiert aber auch weiterhin für die Wahrung der kulturellen Identität: »Eine Bereicherung sind wir vier nationalen Minderheiten weiterhin nur dann, wenn wir an unseren nationalen Identitäten festhalten. Wir sollten die sprachliche und kulturelle Vielfalt in Schleswig-Holstein nicht auf dem Altar der Globalisierung opfern.« Dieser eindringliche Appell hat den ganzen Kirchenraum erfüllt und könnte bis zum nächsten Gottesdienst nachhallen. Jeden Sonntag lädt Jon zum dänischen Gottesdienst in die Stallkirche. Aus Gründen der »Kundenfreundlichkeit« findet der sogar einmal im Monat in dänisch-deutscher Ausgabe statt. Im Anschluss daran lädt Pastor Jon ins Wohnzimmer zu Kaffee und Keksen. Eine geköderte Minderheit? Nein, eine hyggelige Minderheit!

Sylt gehörte seit dem Mittelalter zum Herrschaftsgebiet des dänischen Königs. Ein Aufstand der Schleswig-Holsteiner gegen Dänemark führte 1848 zum ersten schleswigschen Krieg. Zwischen 1864 und 1920 waren die Herzogtümer Schleswig und Holstein und damit auch Sylt preußisch. Sowohl die dänische Minderheit in Südschleswig als auch die deutsche Minderheit in Nordschleswig entstanden durch die Teilung Schleswigs nach der Volksabstimmung im Jahr 1920. Insgesamt etwa 50.000 Menschen fühlen sich heute der dänischen Minderheit zugehörig. Rund ein Drittel von ihnen ist Mitglied im SSF. Auf Sylt leben geschätzte 1500 in der Minderheit, die meisten von ihnen sind in den verschiedenen dänischen Vereinen organisiert. Der SSF Sylt hat 340 Mitglieder, die dänische Kirchengemeinde hat rund 450 Mitglieder.

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