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NATÜRLICH SYLT
Alles nur Masche

Wenn sich eine Freundschaft nach der Tide richtet, aber trotzdem mit allen Wassern gewaschen ist. Zwei Reusenfischer und eine Vernetzung der besonderen Art.

Horst Neumann und Wilfried Kuchenbecker bereiten sich auf ihre Sommergäste vor. Nein, einen roten Teppich rollen sie ihnen an diesem Tag nicht aus, wohl aber ein hundertfach verknüpftes Geflecht, das sie alljährlich im Frühjahr im Wattenmeer vor Rantum aufbauen. In den röhrenförmigen Sackgassen der Reusen sollen sie sich verfangen: die Schollen, Meeräschen und Aale. „Kucki, hau drauf“, fordert Horst und hält seinem Freund einen Holzpfahl hin, den dieser mit einem Vorschlaghammer in den Schlickboden rammen soll. So viel Verrauensvorschuss gibt es wohl nur, wenn man sich in- und auswendig kennt. Seit fast 40 Jahren gehen die beiden Rantumer gemeinsam der Reusen- und Stellnetzfischerei nach. Eine Interessensgemeinschaft, die sich im Laufe der Jahre zu einer engmaschigen Freundschaft mit Seltenheitswert entwickelt hat. „Wir gehören zu einer aussterbenden Gattung“, sagt Horst achselzuckend. Früher legten noch gut ein Dutzend Hobby- und Nebenerwerbsfischer ihre Reusen im Rantumer Watt aus und fischten mit Stellnetzen am Weststrand. Heute sind sie noch zu dritt. Das ist nicht die einzige Veränderung. „Als wir damals anfingen, waren die Reusen oft gerappelt voll. So voll, dass wir manchmal Mühe und Not hatten, unseren Fang nach Hause zu bringen.“ Heute verirren sich die Fische immer seltener und unregelmäßiger in die Fangarme. Vor allem Plattfische haben sich rar gemacht. „Die Meeräsche läuft mittlerweile besser als die Scholle“, sagt Wilfried. Der bis zu 60 Zentimeter lange und fünf Kilo schwere Sommergast wird erst seit ein paar Jahren vor Sylt gesichtet und hat den anderen Fischen mittlerweile den Rang abgelaufen. Aber auch davon könnte heute keiner mehr leben. Zu zeitaufwendig sind Aufbau, Abbau und Pflege der Reusen. „Du musst Dein Hobby schon sehr lieben, um nicht frustriert das Handtuch zu werfen“, sagt Horst und schiebt die Karre mit den Pfählen und Netzen ein Stück weiter ins Watt. Aber das kommt für die beiden natürlich nicht in Frage. Viel zu sehr lieben sie ihre täglichen Ausflüge ins Watt und die Abstecher an den Weststrand. Ganz zu schweigen von den anschließenden Räuchersitzungen. „Einige fahren Cabrio oder führen den Hund aus um an der frischen Luft zu sein. Wir fangen Fische.“

Angeln und Fischen war schon immer das liebste Hobby von Tierarzt Horst Neumann, der bis zu seiner Pensionierung vor zwölf Jahren in Rantum eine Kleintierpraxis führte. Auf die Frage, mit welchen Tieren er sich am besten auskennt, antwortet er: „Mit Fischen natürlich - wie man sie fängt und zubereitet“. Wilfried schaut kurz hoch: „Das ist sein ostpreußisches Blut von der kurischen Nehrung“, und widmet sich sofort wieder dem Netz, das er am Holzpfahl versucht festzumachen. Als waschechter Sylter hat auch er schon als Kind geangelt und später Reusen gestellt und noch immer ist die Spannung da, wenn er raus ins Rantumer Watt stapft und die Netze kontrolliert. „Denn man weiß ja nie, was einen erwartet,“ sagt der gelernte Heizungsbauer, der seinen Beruf ebenfalls vor einigen Jahren an den Angelhaken hängte und sich nun ganz seinem Hobby hingeben kann. Dass es auf Sylt mittlerweile nur noch eine Handvoll Stellnetz- und Reusenfischer gibt, liegt neben der mageren Ausbeute wohl auch an den Auflagen, die in den letzten Jahren strenger geworden sind. Für die Stellnetzfischerei am Weststrand und die Reusenfischerei braucht man mittlerweile einen Fischereischein und zusätzlich eine Genehmigung für den sogenannten Nebenerwerbsfischer zu Fuß. Für die Reusenfischerei mit einem Ring mit bis zu 40 Zentimeter Durchmesser reicht ein Fischereischein. „Früher, sagt Horst, „wurde nicht mal nach der Lizenz gefragt. Man suchte sich sein Revier in Absprache mit den anderen Kollegen aus. Es gehörte zum guten Ton, dass man seine Reuse nicht dorthin setzt, wo im letzten Jahr jemand anderes seine Reusen hatte.“

Über der grauen Wattlandschaft leuchtet ein strahlend blauer Himmel. Um die Reusen-Etikette muss sich an diesem Tag niemand kümmern, kein Kollege weit und breit. Nur ein paar Möwen und Seeschwalben trippeln über den Schlick und beäugen die beiden Männer in Wathosen und Gummistiefeln, wie sie routiniert ihre Reusen aufbauen. Jeder Handgriff sitzt, blindes Verständnis, jedes Wort wäre eines zuviel. Das Prinzip ist einfach: Die stabilen, fünf Meter langen Nylongeflechte, mit Holzpflöcken im Wattboden verankert, weisen trichterförmige Öffnungen auf. Die Fische können hinein-, aber nicht wieder herausschwimmen. Ein Mechanismus, der den Gesetzmäßigkeiten der Gezeiten unterliegt. Ebenso wie gemeinsamen Ausflüge von Wilfried und Horst. Die beiden brauchen kein Telefon, sie verabreden sich nach dem Mond. Sobald die Reusen gestellt sind, sind sie bis in den Spätherbst hinein zweimal täglich bei Niedrigwasser draußen, um ihre Reusen abzugehen. Egal ob frühmorgens oder spät in der Nacht. „Klar, wenn Du am Abend mal ein paar Biere getrunken hast, gehst Du mitten in der Nacht nicht raus. Aber normalerweise sind wir jede Tide draussen“, sagt Horst und hält Wilfried den nächsten Holzpfahl hin. Nicht nur dass es vorgeschrieben ist, täglich seine Reusen zu überprüfen und den Fang zu entnehmen, auch wollen die beiden es ihren „Fressfeinden“ so schwer wie möglich machen und ihnen ihren Fang nicht freiwillig überlassen. Denn Konkurrenz lauert überall: in der Luft, im Wasser und zu Land. „Wenn wir nicht rechtzeitig da sind, jagen uns die Möwen, Krähen und Füchse alles weg.“ Und die Seehunde und Kegelrobben, vorausgesetzt sie sind im Vollbesitz ihrer Kräfte, sowieso. Was Kegelrobbendame Willi, mittlerweile Hörnums berühmteste Hafenbewohnerin, damals definitiv nicht war. Horst erinnert sich noch sehr gut an diesen denkwürdigen Tag im Jahre 1992: „Kucki und ich saßen im Boot. Plötzlich tauchte vor uns eine total abgemagerte Kegelrobbe auf, ihre Augen waren ganz trüb. Sie tat uns leid und wir fütterten sie vom Boot aus. Zum Dank hat sie uns zwei Jahre lang Meeräschen und Lachsforellen geklaut und unsere Netze kaputt gemacht. Dann ist sie abgehauen nach Hörnum, wo das Jagen beziehungsweise Überleben für sie noch einfacher geworden ist.“

Seitenwechsel. Horst und Wilfried waren nicht nur die ersten, die Willi Fische ins Maul legten, sondern waren auch Pioniere der Stellnetzfischerei am Weststrand. „Wegen der Brandung kam niemand auf die Idee, dort Stellnetze aufzustellen. Seit Mitte der 80er stellen wir unsere Netze im Frühjahr und in den Monaten Oktober und November jeweils für ein paar Tiden auf.“ Im Frühjahr gehen sie auf Scholle, Seezunge, Steinbutt, Meeresforelle und Lachs, im Herbst auf Hering. Auf die Vorwürfe der Ökologen, dass sie im heutigen Schweinswalschutzgebiet billigend den Beifang von Schweinswalen in Kauf nehmen, entgegnet Horst: „Wir stellen unsere Netze auf einem 150-Meter-Streifen am Flutsaum auf, der dem Walschutzgebiet nicht unterliegt. Und im Sommer, wenn Kalbungszeit ist, stellen wir gar nicht.“ Er wird lauter: „Es ist doch idiotisch. Draußen in den Schutzgebieten der Nordsee fischen sie großflächig mit Grundschleppnetzen. Der Meeresboden wird mit schwerem Fangerät regelrecht durchgepflügt. Darüber regt sich niemand auf. Aber uns machen die Spaziergänger am Strand an.“ 

Aber natürlich ernten Horst und Wilfried nicht nur Kritik. Im Gegenteil. Einige Strandspaziergänger finden die Idee der Selbstversorgung so gut, dass sie es kurzerhand auf das Prinzip Selbstbedienung ausweiten. „Die klauen den Fisch aus dem Netz, bringen ihn ins nächste Strandrestaurant und wollen ihn dann da ausnehmen und zubereiten lassen. Alles schon erlebt.“ Horst nennt keine Namen, auch verrät er nicht, ob und welche Sylter Restaurants hin und wieder mit seinem frischen Fang versorgt werden. „Die meisten Fische essen wir im Familien- und Freundeskreis selbst. Außerdem haben wir eine große Truhe und der Winter ist lang.“ Einer seiner außergewöhnlichsten Fänge ist aber definitiv nicht in der Truhe gelandet: „Eines Nachts ging ich zum Strand, um das Stellnetz zu kontrollieren. Schon von weitem sah ich im Mondlicht im Netz eine Figur mit blonden Haaren. Mir sackte das Herz so was von in die Hose. Zum Glück war es nur eine geplatzte Beate Uhse-Puppe.“ 

Das, was Horst und Wilfried normalerweise aus den Netzen holen, ist definitiv appetitlicher. Ist die Meeräsche mit Herbstanfang verschwunden, beginnt die Zeit der Aale, die zu ihren Laichgebieten im Nordatlantik aufbrechen. „Ich bin gespannt, ob der Aal in diesem Jahr besser läuft. Letztes Jahr war so schlecht wie nie zuvor“, sagt Wilfried. Kein Wunder. Denn das Mindestmaß von Aalen wurde auf 45 Zentimeter angehoben und abziehende Blankaale dürfen von Oktober bis Januar gar nicht mehr befischt werden. 

„Natürlich“, sagt Horst, „müssen bei sinkenden Fischbeständen Schutzmaßnahmen ergriffen werden. Umso unverständlicher ist der Umstand, dass die Fangerlaubnis auf Glasaale weiterhin besteht. Angeblich als Besatzaale. Leider wandert ein Großteil von ihnen in Konservendosen in die Verkaufsregale.“ Trotzdem. Wilfried und Horst machen weiter. Die beiden heben die Schubkarre über die Lahnungsfelder. Feierabend. Vier ihrer acht Reusen haben sie heute aufgebaut. Wilfried würde gerne noch ein Feierabendbier trinken, aber Horst hat noch Termine. Eine Anreise. Seinen zweibeinigen Gästen legt er nämlich tatsächlich den roten Teppich aus – und begrüßt sie mit einem köstlich zubereiteten Fisch.

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